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Wissenschaftler findet: Wissenschaft braucht keine Öffentlichkeit

Unter der Überschrift „Der Weg zur Wahrheitsfindung“ hat der Kölner Philosophie-Professor Thomas Grundmann in der aktuellen duz einen bemerkenswerten Kommentar geschrieben. Ich zitiere: „Laien vertrauen Experten, weil sie innerhalb des Expertensystems durch Ausbildung, Ämter oder Auszeichnungen anerkannt werden.“ Deshalb sollte ein  Laie auch „keine fachlichen Überlegungen gegen Experten anstrengen“, „denn das Vertrauen in die Experten ist der zuverlässigste Weg der Wahrheitsfindung.“

Ist das also die Lösung der gegenwärtig heiß diskutierten Krise des Expertentums: Lieber nicht selbst denken, auch in fachfremden Kontexten, sondern sich einfach auf jene verlassen, die von sich behaupten, zu wissen, was wirklich wichtig ist?

Bestimmt geht Thomas Grundmann davon aus, dass sein Kommentar Widerspruch erfahren wird. Ich fange mal damit an. Der Beitrag ist insofern mutig, als er selbstbewusst und dezidiert einer Hauptforderung widerspricht,  die gegenwärtig an die Wissenschaftskommunikation gerichtet wird: die Bürgerbeteiligung. Der fast schon sprichwörtliche Dialog auf Augenhöhe, nach dem längst auch die Spitzen des Wissenschaftssystems in ihren Reden vielfach rufen.

Thomas Grundmann allerdings hält das für keine gute Idee. Im Gegenteil: „Demokratische Ideale“ lassen sich seiner Meinung nach nicht auf das System Wissenschaft übertragen, ohne dort Schäden anzurichten: „Wissenschaftler sehen sich der Forderung nach Allgemeinverständlichkeit ausgesetzt. Wissensdiskurse gelten als illegitim, sobald sie nicht mehr auf Augenhöhe stattfinden. Aber diese demokratische Kritik an den Asymmetrien der Wissensgesellschaft legt den falschen Maßstab zugrunde und untergräbt systematisch das Vertrauen in Experten und Wissensautoritäten.“

Denn, so fasse ich in meinen eigenen Worten Grundmanns Fazit zusammen, wenn die Meinung des Experten nicht mehr als die richtungsweisende gilt, weil qualitativ gesichert, und jedermann, vor allem im Netz, herausposaunt, was ihm selbst plausibel erscheint, – dann erst geht das Vertrauen in Experten wirklich verloren.

Für uns, die wir in der Wissenschafts-PR arbeiten, sind die Thesen von Thomas Grundmann starker Tobak. Aber ich bin mir sicher, dass viele im System Wissenschaft zustimmen. Denn sie werden davon in einer Haltung bestärkt, die wohl immer noch die überwiegende ist: Dass die Wissenschaft summa summarum doch alles richtig macht. Kein Grund also, sich selbstkritische Fragen zu stellen. Erst recht nicht von Laien.

Grundmanns Kommentar erinnert mich an eine Keynote, die die Kommunikationsforscher Frank Marcinkowski und Matthias Kohring auf Einladung der VolkswagenStiftung hielten (#wowk14). Der Titel ihres Vortrags: „Nützt Wissenschaftskommunikation der Wissenschaft?“ Und ihr Fazit, auf den Punkt gebracht: nein.

„Die Funktion von Wissenschaft ist es offenbar, Sätze zu formulieren die – ein bestimmtes Verständnis von Wahrheit und akzeptierter Methoden ihrer Begründung unterstellt – als wahr gelten und daher als besonders geeignet, menschliches Handeln anleiten zu können. Fest steht dann: Der epistemische Prozess selbst, der Prozess der Zuschreibung von Wahrheitswerten auf Aussagen, bedarf weder der öffentlichen Sichtbarkeit, noch bedarf er der Zustimmung Dritter – schon gar nicht aller denkbaren Dritten. Ob eine Aussage als wahr oder falsch gilt, wird innerhalb der Wissenschaft, in der Regel innerhalb der epistemischen Öffentlichkeiten, der sogenannten Scientific Communities, entschieden.“ (Marcinkowski/Kohring)

Alle drei zitierten Wissenschaftler behaupten nicht, dass Experten unfehlbar seien. Dass einzelne „interessengeleitet oder bestochen“ sein könnten, schließt auch Grundmann nicht aus. Was aber nicht erwähnt wird: Dass Wissenschaft in gefühlt stetig wachsendem Maß mit Widerrufen von peer-reviewed Artikeln Schlagzeilen macht, mit manipulierten Studien und von der Industrie initiierten, wissenschaftlich aber fraglichen Gutachten. Erinnert sei an die von der Autoindustrie in Auftrag gegebenen Tier- und Menschenversuche. So untadelig und selbstregulierend funktioniert das System Wissenschaft also nicht.

Dass Grundmann am Ende seines Kommentars dazu aufruft, das Vertrauen in Experten und Autoritäten zu stärken, ist unbestritten. Nicht aber die Maßnahme, die er vorschlägt: „Deshalb sollte die Öffentlichkeit aufgeklärt werden, dass sich die Spielregeln der Wissensgesellschaft und der Demokratie unterscheiden.“

Ist das die richtige Haltung, um die wachsende Spaltung in Teilbereichen unserer Gesellschaft zu kitten?

 

Staatskohle für Startups im Journalismus!

Vor allem im Online-Journalismus rollt die Gründerwelle, aber selten ein Rubel. Das Geschäftsmodell: Selbstausbeutung. Wer könnte finanziell helfen? Die Öffentlich-Rechtlichen!

Wer nur über den Niedergang im Journalismus jammert, verstellt sich den Blick auf Tröstliches, nämlich die beharrlich wachsende Zahl der journalistischen Startups in Deutschland, vor allem im Online-Journalismus. Ob Correctiv, Hostwriter, Coda Story, RiffReporter oder demnächst Republik: Immer mehr Journalistinnen und Journalisten wagen bewundernswerterweise den Weg ins freie Unternehmertum – und damit auch die Fahrt in einer finanziellen Geisterbahn.

Denn ungeachtet der Vielfalt an Ideen und Konzepten, in einem sind alle Projekte gleich: Sie stehen vom ersten Moment an mit einem Fuß in der Pleite. Marktübliche Refinanzierung über Werbung und Abos funktioniert mangels Masse nicht. Und überhaupt: Wer betrachtet Journalismus noch als eine veritable Dienstleistung, für deren Inanspruchnahme der Kunde zu zahlen hat?

Betteln auf Crowdfunding-Plattformen

Alle digitalen Bezahlmodelle (Later Pay, Schranke, Freemium etc.) haben die Erwartungen bislang nicht erfüllt. Und die Bettelei auf Crowdfunding-Plattformen und bei wohltätigen Stiftungen ist auch kein Ersatz für ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Flyerfoto RiffReporter

Eines von zahlreichen Startups im Journalismus: RiffReporter

Dass sich Startups überhaupt halten und die Gründerwelle anhält, beruht auf dem schlichten Prinzip freiwilliger und dauerhafter Selbstausbeutung. Als Newcomer, ohne etabliertes Medienunternehmen im Rücken, lässt sich gesellschaftlich relevanter Journalismus nicht refinanzieren. Das kann man sich dann nur als WG-Bewohner(in) ohne Familie leisten.

Alle journalistischen Neugründungen, zumindest die im Internet, werden dauerhaft auf Subventionen angewiesen bleiben. Doch woher soll die Kohle kommen? Meiner Ansicht nach von dort, wo das Geld immer her kommt, wenn es einer wichtigen Branche ökonomisch schlecht geht: von der öffentlichen Hand.

Subventionen für den Journalismus? Warum nicht?

Das Budget der Öffentlich-Rechtlichen ist trotz gegenteiliger Beteuerungen mit zuletzt 8,1 Mrd. Euro Gebühreneinnahmen nach wie vor üppig bemessen. Warum nicht fünf Prozent davon abzweigen, um ein großes Lab für die Förderung journalistischer Start-Ups ins Werk zu setzen?

Die Idee ist nicht neu und wurde schon früher niemals ernsthaft verfolgt, weil Lobbyisten und die Beharrungskräfte im öffentlich-rechtlichen System eine fundierte Diskussion verhindert haben. Aber ein Wiederaufrollen dieser Überlegung lohnt,  weil sich das gesellschaftliche Umfeld radikal verändert hat. Journalismus ist Teil des derzeitigen Eliten-Bashings. Zur Disruption ist die Diffamierung hinzugekommen.

Junge Gründer(innen) deuten die Zeichen der Zeit richtig und berücksichtigen in ihren Konzepten die Beteiligung von Leserinnen und Leser. Das fördert das Verständnis für die gesellschaftliche Bedeutung und die Arbeitsweise von Medien. Aber es bleibt purer Idealismus, es sind Strohfeuer, solange es keine wirtschaftliche Sicherung gibt.

Wir brauchen Medienvielfalt dringender denn je

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk bleibt gerade in der aktuellen Situation unverzichtbar. Aber abgesehen von durchaus lobenswerten Nischenprodukten wie Funk und heute plus ist die Innovationskraft des Riesenapparats bescheiden. Fundamental Neues kann offenbar nur außerhalb bestehender Strukturen gedeihen.

Ich als Gebührenzahler jedenfalls habe ein großes Interesse daran, dass am Allgemeinwohl orientierte Medien Zielgruppen erreichen, die sich vom Fernsehen und vom Radio längst schon abgewandt oder qua später Geburt diese niemals zu schätzen gelernt haben. Für die Verteidigung demokratischer Grundwerte kann es gar nicht genug Medien geben.

Dafür gäbe ich von meinen Gebührenbeitrag auch gern mehr als fünf Prozent.

Warum der March for Science die Wissenschaft positiv erschüttert hat

Der March for Science am 22. April 2017 hat der Wissenschaft in Deutschland viel positive Aufmerksamkeit beschert.  Gleichzeitig wächst der Druck: Die Kommunikation nach außen und die Haltung nach innen erscheint Kritikern reformbedürftiger denn je. Andererseits erscheint das Wissenschaftssystem dieses Mal auch bereit dazu. Das verdient breite Unterstützung. Und eine Tagung am 25. und 26. Oktober 2017 von VolkswagenStiftung, ZEIT, Leopoldina und Robert Bosch Stiftung

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Ich glaube, so viele wohlmeinende Schlagzeilen hat die deutsche Wissenschafts-Community seit Ewigkeiten nicht mehr gehabt wie am 22. April 2017 – dem Tag des „March for Science“. An gut zwei Dutzend Standorten sollen 37.000 Menschen auf den Beinen gewesen sein. Gemessen an der Bevölkerungszahl ist das wenig. Doch angesichts bürgerlicher Behäbigkeit, die sich ohnehin kaum für oder gegen irgendetwas mobilisieren lässt, war das ganz beachtlich.

Gut vier Monate danach sei nun aber die Frage erlaubt: Was hat der March for Science  gebracht?

Guckt man auf die Habenseite, dann kann man wohl konstatieren: Das Personal an Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, zumal in leitenden Funktionen, hat verstanden, dass ein neuer Umgang mit gesellschaftlichen Kräften nun wohl doch unvermeidlich geworden ist, wenn man nicht noch weiter aus der Mitte der Gesellschaft driften will. Dass „die“ Gesellschaft „die“ Wissenschaft in der Herausforderung sieht, ihre Relevanz überzeugend deutlich zu machen und Verantwortung bei der Lösung von Zukunftsfragen zu übernehmen.

Schlagworte wie „Transparenz“ und „Partizipation“, mit denen man sich in Wissenschaftskreisen bislang wenig euphorisch auseinandergesetzt hat (es gibt natürlich auch rühmliche Ausnahmen in der Professorenschaft!), bekommen plötzlich neues Gewicht. Das Volk, aber auch Politiker und Interessenverbände, klopfen zunehmend lauter an das Tor im Elfenbeinturm. Und drinnen fragt man sich: Was tun?  „Wir haben ein dramatisches Vermittlungsproblem“, konstatierte Peter Strohschneider, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft – und zwar bereits vor dem March for Science, aber bereits unter dem Eindruck weltweiter Wissenschafts- und Experten-Skepsis sowie Fake News.

Was hat der „March for Science“ noch gebracht – außer Selbstzweifeln in der Scientific Community?

Mir scheint, der „March for Science“ hat einen Geist freigesetzt, der sich nicht mehr in die Flasche zurückdrängen lässt. Es scheint, als formierte sich im Innern des Wissenschaftssystems Widerstand gegen die „So-war-es-schon-immer-bei-uns-und-so-bleibt-das-auch“-Mentalität. Deutlich wurde das bei den Kundgebungen am 22. April, wo insbesondere aus dem wissenschaftlichen Mittelbau kecke Töne zu hören waren, die sich mutig gegen die Beharrungskräfte im Apparat aussprachen. Für mich, als Teilnehmer in Berlin, klang das schon richtig politisch.

Weitere Indizien für latente Opposition lieferte mir neulich eine Diskussion, die Manuel Hartung, Ressortleiter Chancen bei der ZEIT, und ich mit 80 Nachwuchswissenschaftler/innen aus der Förderung der VolkswagenStiftung hatten. Unser Thema „Die Krise der Klugen“. So hatte Hartung im Frühjahr 2017 einen ZEIT-Artikel überschrieben, in dem er die Frage formulierte: „Wo bleibt eigentlich der Aufschrei der Wissenschaft“, angesichts verdrehter wissenschaftlicher Tatsachen (Trump), unverhohlener Wissenschaftsfeindlichkeit (Erdogan, Orban) und grassierender Wissenschaftsskepsis (weltweit)?  Hartungs Eindruck: „Die deutschen Professoren fühlen sich von der rasenden Wirklichkeit um sie herum vor allem in ihrer Arbeit gestört.“

Wachsendes Unbehagen vor allem bei Nachwuchswissenschaftlern

Wer nun annimmt, dass der ZEIT-Redakteur wegen seiner Kritik von den anwesenden Wissenschaftler/innen niedergebuht wurde, sah sich widerlegt. Im Gegenteil: Das Gros stellte seine Polemik überhaupt nicht in Frage, sondern brachte eigenes persönliches Unbehagen zum Ausdruck, dass man im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Erwartung einerseits und dem modernisierungsresistenten Wissenschaftsbetrieb andererseits verspüre.

So scheint sich das Wissenschaftssystem ganz, ganz langsam in zwei Lager aufzuspalten die Wandlungswilligen und die Status Quo-Verteidiger. Es gärt. Und ich glaube, dieses Verdienst darf man dem „March for Science“ getrost anrechnen.

Und nun? Mit Blick auf die Kommunikation mit einem breiten Publikum erschallt vielerorts der reflexhafte Ruf nach „neuen Kommunikationskonzepten“. Das klingt dynamisch, verpflichtet zu nichts und vertagt konkrete Schritte auf eine nicht näher befristete Zukunft. Dabei haben die Kommunikationsprofis in den Universitäten, Hochschulen und Forschungsbereichen über die Jahre ein ständig modernisiertes und diversifiziertes Instrumentarium an Kommunikationsmitteln geschaffen, inklusive  Leitlinien für die bestmögliche Handhabung  – auch und gerade mit Blick auf ein differenziertes Laien-Publikum.

Verantwortung für Wissenschaftsvermittlung lässt sich nicht immer delegieren

Wäre es nicht ein guter erster Schritt, wenn sich die Entscheider im Wissenschaftsbetrieb, die jetzt „neue Konzepte“ fordern, erstmal die bereits bewährten von ihren PR- und Kommunikationsabteilungen erklären ließen? Denn ich unterstelle, dass das Wissen um die Wirkungsweisen von Kommunikationsmitteln im wissenschaftlichen Personal nach wie  vor nicht sehr verbreitet ist. Dabei sollte auch das eine Erkenntnis nach dem „March for Science“ sein: Dass man Wissenschaftsvermittlung nicht immer nur an Kommunikationsabteilungen wegdelegieren kann, sofern man als Wissenschaftler bei einem breiten Publikum glaubwürdig erscheinen will. Das eben setzt den vielbeschworenen Dialog auf Augenhöhe voraus.

Verstärktes Engagement bei der Wissenschaftsvermittlung zieht natürlich die  altbekannten Einwände der Wissenschaftler nach sich: Was bringt mir das für meine Karriere? Soll ich neben meiner Lehr-Labor-Arbeit auch noch Volkshochschule machen? Wofür haben wir Kommunikationsfachleute, wenn ich alles selbst machen muss usw.?

Eine allzu vertraute Litanei. Und doch: Seit dem „March for Science“ klingt sie anders. Nicht mehr nach einem kategorischen „Nein“, sondern immer öfter nach einem vorsichtig tastenden  „Wenn…dann…“

Aufbruchsstimmung? Ja, ich glaube, seit dem PUSH-Memorandum 1999 war die Bereitschaft in Wissenschaftskreisen niemals größer, tradierte Standpunkte kritisch zu reflektieren und offen zu sein für neue Impulse. Der Dialog auf Augenhöhe, der zwischen Wissenschaft und breiter Öffentlichkeit immer eher verdruckst und mit viel Anschieben funktioniert hat, könnte langfristig selbstverständlicher werden.

Wie die Öffnung der Wissenschaft besser gelingt und ihr Nutzen für die Lösung gesellschaftlicher Zukunftsfragen sichtbarer werden könnte – dafür gibt es nicht die eine Lösung. Und es sollte auch nicht allein in der Verantwortung der Wissenschaft bleiben, Lösungen zu finden. Politik, Journalismus, gesellschaftliche Interessengruppen – sie alle sind aufgerufen, am Gelingen dieses Projektes mitzuwirken.

Vielleicht braucht es dafür gar nicht viele neue Konzepte, sondern vor allem mehr Schulterschluss?

Einen Anstoß dazu will eine Tagung bieten, die die VolkswagenStiftung in Kooperation mit der Leopoldina, der ZEIT und der Robert Bosch Stiftung am 25. und 26. Okt. 2017 in Hannover anbietet: „Wissenschaft braucht Gesellschaft – Wie geht es weiter nach dem March for Science?.

Welche Erwartungen die Organisatoren, zu denen ich selbst zähle, mit dieser Veranstaltung verbinden, will ich in den nächsten Wochen hin und wieder an dieser Stelle berichten. Und eure Meinung und Wünsche dazu kennenlernen. Schreibt sie in die Kommentarspalte. Ich freue mich darauf, sie zu lesen und in meinen Beiträgen darauf einzugehen.

Hier geht es zum Programm und zur kostenlosen Anmeldung: www.volkswagenstiftung.de/wowk17

Weiterer Veranstaltungshinweis:

„Speak up for Science – eine offene Konferenz für kommunizierende Wissenschaftler“ veranstaltet Wissenschaft im Dialog am 15. und 16. Sept. 2017 in Berlin. Teilnahme kostenlos, Anmeldung erforderlich.

Blogbeiträge zum „March for Science“:

Im Blog „Wissenschaft kommuniziert“ findet sich eine Fülle von Artikeln und Statements über verschiedene Aspekte des „March for Science“

 

Audio: Tierversuche als Thema für Wissenschaftskommunikation

Vor ein paar Wochen durfte ich eine Diskussion beim 9. Forum Wissenschaftskommunikation von Wissenschaft im Dialog in Bielefeld moderieren. Der Sessiontitel: „Gemeinsam sind wir mutig – proaktive Kommunikation schwieriger Themen“; der Fokus: „Tierversuche“.

Wer interessiert ist, findet die Session hier als Audio-Mitschnitt. Einen zusamenfassenden Bericht kann man in der eben fertig gewordenen Ergebnisbroschüre des Forums Wissenschaftskommunikation lesen (hier geht es zum PDF).

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Diskussion über Tierversuche als Thema der Wissenschaftskommunikation; v.l.: Jens Rehländer, Christoph Klimmt, Susanne Diederich, Florian Dehmelt. (Abb. aus der Tagungsbroschüre)

Meine drei Gesprächsgäste waren der Journalistik-Professor Dr. Christoph Klimmt aus Hannover; die Kommunikationsleiterin am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, Dr. Susanne Diederich; der Neurowissenschaftler und Pro-Test-Mitgründer Dr. Florian Dehmelt aus Tübingen.

 

Links:

Mit der Website „Tierversuche verstehen“ adressiert die Wissenschaft ein breites Publikum: https://www.tierversuche-verstehen.de

„Pro-Test Deutschland e.V.“ ist ein informelles Bündnis von Wissenschaftlern vor allem in Tübingen, die in persönlichen Gesprächen für ein reflektiertes Verständnis in der Öffentlichkeit werben: http://www.pro-test-deutschland.de

 

 

 

Raus aus den Echokammern der Wissenschaftskommunikation!

„Wo bleibt der Aufschrei gegen billigen Populismus?“, fragt Joachim Müller-Jung, Ressortleiter Wissenschaft der FAZ, und kritisiert heftig „die Trägheit der Wissenschaftler und ihrer Institutionen“. „Der Elfenbeinturm steht heute so mächtig da wie zu den Zeiten, als die akademische Autorität unangreifbar schien“, schreibt Müller-Jung. „Die Gelehrten“ blieben in gesellschaftlichen Fragen passiv: „Das Elitäre hat sie selbst in die Isolation getrieben.“

Ist Müller-Jungs Attacke auf den Elfenbeinturm gerechtfertigt? Haben Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation zu lange an der wahlberechtigten Bevölkerung vorbeikommuniziert?  Nun, im Lager der Demokraten und Aufklärer herrscht jedenfalls Alarm in diesen Tagen. Und das ist gut so! Denn nachdem sich ein EU-Mitgliedsland nach dem anderen den rechten Demagogen ergibt, nachdem der Brexit passiert ist und mit Donald Trump in Kürze das bislang völlig Unvorstellbare wahr wird – jetzt endlich artikuliert sich hierzulande Widerstand gegen diese unsägliche, unheimliche Entwicklung.

Wer die Errungenschaften der Demokratie verteidigen will – die Freiheit der Wissenschaft zählt dazu -, muss Farbe bekennen. Und zwar jetzt. Heute! Von daher stimme ich Müller-Jung zu. Wenn die Wissenschaft in Deutschland verhindern will, dass ihr die Grundlagen entzogen werden, wie in Großbritannien nach dem Brexit und demnächst in den USA nach Trump – dann muss jetzt gehandelt werden.

Anders als Müller-Jung sehe ich aber nicht allein „die Wissenschaft“ in der Pflicht, sondern auch Wissenschafts-PR und Wissenschaftsjournalismus. Wenn es wahr ist, dass das Vertrauen der Laien in Wissenschaft an vielen Stellen erodiert (Stichwörter: Klimawandel, Gentechnik, Evolution vs. Kreationismus), dann haben wir alle im System Wissenschaftskommunikation unseren Teil dazu beigetragen.

„Die“ Wissenschaft hat – mit individuellen Ausnahmen – bis heute kein überzeugendes Interesse entwickelt, sich aus eigenem Antrieb mit Problemlösungsvorschlägen in aktuelle gesellschaftliche Debatten einzubringen. Die Lobbyisten im Wissenschaftssystem verwechseln Öffentlichkeitsarbeit immer noch zu häufig mit Akzeptanzbeschaffung, d.h. Drittmittelgeber und politische Entscheider sollen dafür gewonnen werden, neue Forschungstrends zu finanzieren (wogegen im Prinzip nichts einzuwenden ist). Aber es zeugt von Missachtung, wenn die gleichzeitige Aufklärung der gerade in Deutschland ausgeprägt risikoaversen Bevölkerung ausbleibt.

„Die“ Wissenschafts-PR (z.B. Pressestellen) hat gerade in den letzten Jahren qualitativ sehr an Substanz gewonnen. Am Ende aber muss sie sich immer den Vorgaben der Präsidien und Institutsleitungen beugen und deren Ziele verwirklichen. Und oft auch wider besseren Wissens Tage der Offenen Tür und Lange Nächte der Wissenschaft organisieren, obwohl solche Events überhaupt kein Stück dazu beitragen, dem Vertrauen in Wissenschaft bei den (wahlberechtigten) Bürgern aufzuhelfen.

„Der“ Wissenschaftsjournalismus schließlich ist in Sachen Vertrauen, Akzeptanz und Relevanz vergleichbar unter Druck wie die Wissenschaft selbst. Die Inseln im Meer der Medien, wo qualitätsvoller Wissenschaftsjournalismus noch möglich ist. werden kleiner und seltener. Die, die jetzt noch übrig sind, müssen sich die Frage stellen, womit sie ihr Publikum noch erreichen. Wer ohne gesellschaftliche Verantwortung agiert, schielt mit der Boulevardisierung und Sensationalisierung von Wissenschaft auf Einschaltquote und Klicks. Wer aber den aufklärerischen Auftrag von Journalismus ernst nehmen will, agiert ohne Unterstützung der Redaktionsleitungen und gegen die Shitstorms der großen Problemvereinfacher im Netz.

Ich bin überzeugt, dass es einer Koalition aller Akteure im System Wissenschaftskommunikation bedarf, um dem „populistischen Kokolores“ (Müller-Jung) etwas entgegenzusetzen. Gegenseitige Schuldzuweisungen und das Aufrechnen von Fehlern in der Vergangenheit helfen gar nichts. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, aus den Echokammern der Wissenschaftskommunikation herauszutreten und den Dialog mit jenen zaufzunehmen, die beim nächsten Wahlgang auch über die Freiheit von Wissenschaft entscheiden werden. Und dieser Dialog kann sofort anfangen: in den Gesprächen mit unseren Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunden und Verwandten.

Weiterer Beitrag zu diesem Thema:

 

Aus für Spiegel Plus? Keiner kauft Nachrichten im Netz

Jochen Wegner, Chefredakteur von ZEIT ONLINE, hat es natürlich wieder vorhergesehen. Angesprochen auf das seinerzeit gerade eingeführte Bezahlmodell für Einzelartikel bei Spiegel Online („Spiegel Plus“), sagte er im August 2016 im Interview: „Was der Marktführer Spiegel derzeit testet, finde ich bemerkenswert. Ich glaube bis auf weiteres nicht, dass das zu wirklich relevanten Umsätzen führt – und gebe an der Ericusspitze mit Freuden eine Runde Bier aus, falls ich mich irre.“

Es scheint, dass Jochen Wegner sich die Zeche sparen kann. Jedenfalls berichtet die Medienjournalistin Ulrike Simon heute, das Paid Content-Modell habe offenbar die Erwartungen nicht erfüllt, und der Stuhl von SpOn-Chef Florian Harms würde wackeln.

Häme ist hier fehl am Platz. Besserwisserei auch. Aber diese Bemerkung sei erlaubt: Es verwundert schon, dass eine Nachrichten-Website glaubt, verkäufliche Inhalte zu produzieren. Wobei beim Modell „Spiegel Plus“ strafverschärfend hinzukommt, dass die meisten Inhalte aus dem Heft stammen und zumindest für Printleser schon tagelang auf dem Markt waren, bevor Spiegel Online auch seine Community dafür abkassieren will.

Häme ist hier auch deshalb fehl am Platz, weil die Medien selbstverständlich nur durch Experimente herausfinden können, wie sie sich in Zukunft refinanzieren. Dass Experimente scheitern, liegt in der Natur der Sache und verdient keinen Tadel. Dass man aber Irrwege nochmal beschreitet, um genauso zu scheitern wie die anderen vorher – das verwundert dann doch.

Was also hätte man aus den Erfahrungen anderer wissen können? Zumindest dies: Dass Nachrichtenjournalismus im Internet unverkäuflich ist! Es gibt kein Genre, dass an vergleichbarer Überproduktion leidet, kein Feld, in dem der Konkurrenzdruck höher ist, kein Journalismus, der austauschbarer wäre, keine Sparte, die in der Wertschätzung der Nutzer tiefer angesiedelt ist.

Auch nach 15 Jahren hat der Online-Nachrichtenjournalismus ein Deutschland ein Imageproblem. Die Ursachen dafür sind vielfältig und haben häufig weniger mit der Qualifizierung der Journalisten zu tun, sondern mit den Produktionsbedingungen. Ulrike Simon bringt das in einem etwas rüden Ton auf den Punkt: „Eine im Schichtbetrieb Meldungen schrubbende und auf Reichweite trainierte SpOn-Redaktion ist auch schwer auf Anspruch umzupolen.“

Dass Spiegel Online „auf Anspruch“ gepolt werden sollte, ist mir in den letzten Monaten ohnehin verborgen geblieben. Im Gegenteil: Eher registriere ich seit über einem Jahr mit wachsendem Unbehagen ein Ausfransen in Richtung Non-Nachrichten und Nonsens. Mit Inhalten, die häufig flink zusammenkuratiert wirken. Für mich hat die Marke Spiegel als Qualitätsversprechen erheblich an Ansehen verloren, das Profil ist verwässert – zumindest Online. Inzwischen bevorzuge ich faz.net und ZEIT ONLINE.

Ist es ein Alarmzeichen für andere Online-Marken, falls Spiegel Online mit seinen Inhalteverkäufen tatsächlich nicht erfolgreich sein sollte? Ich glaube nicht. Denn eigentlich wird nur bestätigt, was auch Jochen Wegner von Zeit Online weiß: Nachrichtenjournalismus ist kein Geschäftsmodell.

In den USA gibt es übrigens immer weniger – um Ulrike Simons Satz nochmal aufzugreifen – „im Schichtbetrieb Meldungen schrubbende“ Nachrichtenredakteure. Das erledigen inzwischen Nachrichtenroboter.

 

ZEIT-Appell: Demokraten, kauft Zeitungen!

John Oliver hat es in seiner jüngsten Show „Last Week Tonight“ auf HBO getan und Sabine Rückert von der ZEIT in der aktuellen Ausgabe (S.2-3): Beide fordern ihre Zuschauer und Leser auf, Zeitungen zu kaufen und so die Demokratie zu stärken. Andernfalls, so heißt es beim Satiriker, werden korrupte Politiker eine fabelhafte Zukunft haben, weil es demnächst keine investigativen Journalisten mehr gibt. Und beim Wochenblatt sind es zehn Gebote unter der Überschrift „Was ich tun kann, um die Demokratie zu stärken, in der ich lebe“ (S.2-3); dort heißt es unter Ziffer 4: „Ich informiere mich. Ich höre, lese oder sehe Nachrichten, kaufe gute Zeitungen (zahle für sie auch im Internet), damit erhalte ich die selbstbewusste und kritische Presse, die unsere Demokratie vor autoritären Einflüssen schützt (…)“.

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#Brüssel: Warum mir dieser Journalismus Angst macht

Das Mantra des etablierten Journalismus lautet: „recherchieren, analysieren, einordnen“. Mit solchem Ethos, mit fachlicher Expertise und fundierten Einschätzungen, will sich der sogenannte Qualitätsjournalismus absetzen vom oftmals oberflächlichen Gesummse in den sozialen Netzwerken. Doch was hat dieser postulierte Anspruch mit der Wirklichkeit zu tun? Wenig. Die mediale Begleitung der heutigen Terroranschläge in Brüssel liefert dafür erschütternde Beispiele. Wieder einmal.

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Wissenschaftsjournalismus: Die Nische als Daseinsform?

Im Sommer 2015 protestierten freie Wissenschaftsjournalisten aus Rundfunk und Fernsehen gegen Streichungspläne des WDR. Doch anders als bei früheren Anlässen wurden die Delinquenten dieses Mal von einer spontanen Solidarisierungswelle begleitet. Dem Intendanten Tom Buhrow, der die Wissenschaftsberichterstattung zuvor als „Nische“ im Ökosystem seines Hauses geringschätzt hatte, setzte die Wissenschafts-Pressekonferenz WPK eine eilig erstellte Website „keine-nische.de“ entgegen, auf der Repräsentantinnen und Repräsentanten bunter Provenienz preisgaben, warum sie Wissenschaftsjournalismus für unverzichtbar halten.

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Verstaatlicht den Journalismus! Sofort!

Wenn Kunden nicht jene Dinge konsumieren, die ihnen die Industrie anbietet, ist es hierzulande gute Sitte, dass die Wirtschaft nach staatlicher Hilfe ruft. In deren Genuss kamen so z.B. die Solar- und Autoindustrie („Abwrackprämie“). Fette Subventionen für die Verbraucher ließen die Nachfrage explodieren und die Konzernkassen ohrenbetäubend klingeln. Am Ende waren alle zufrieden. Weiterlesen