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Raus aus den Echokammern der Wissenschaftskommunikation!

„Wo bleibt der Aufschrei gegen billigen Populismus?“, fragt Joachim Müller-Jung, Ressortleiter Wissenschaft der FAZ, und kritisiert heftig „die Trägheit der Wissenschaftler und ihrer Institutionen“. „Der Elfenbeinturm steht heute so mächtig da wie zu den Zeiten, als die akademische Autorität unangreifbar schien“, schreibt Müller-Jung. „Die Gelehrten“ blieben in gesellschaftlichen Fragen passiv: „Das Elitäre hat sie selbst in die Isolation getrieben.“

Ist Müller-Jungs Attacke auf den Elfenbeinturm gerechtfertigt? Haben Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation zu lange an der wahlberechtigten Bevölkerung vorbeikommuniziert?  Nun, im Lager der Demokraten und Aufklärer herrscht jedenfalls Alarm in diesen Tagen. Und das ist gut so! Denn nachdem sich ein EU-Mitgliedsland nach dem anderen den rechten Demagogen ergibt, nachdem der Brexit passiert ist und mit Donald Trump in Kürze das bislang völlig Unvorstellbare wahr wird – jetzt endlich artikuliert sich hierzulande Widerstand gegen diese unsägliche, unheimliche Entwicklung.

Wer die Errungenschaften der Demokratie verteidigen will – die Freiheit der Wissenschaft zählt dazu -, muss Farbe bekennen. Und zwar jetzt. Heute! Von daher stimme ich Müller-Jung zu. Wenn die Wissenschaft in Deutschland verhindern will, dass ihr die Grundlagen entzogen werden, wie in Großbritannien nach dem Brexit und demnächst in den USA nach Trump – dann muss jetzt gehandelt werden.

Anders als Müller-Jung sehe ich aber nicht allein „die Wissenschaft“ in der Pflicht, sondern auch Wissenschafts-PR und Wissenschaftsjournalismus. Wenn es wahr ist, dass das Vertrauen der Laien in Wissenschaft an vielen Stellen erodiert (Stichwörter: Klimawandel, Gentechnik, Evolution vs. Kreationismus), dann haben wir alle im System Wissenschaftskommunikation unseren Teil dazu beigetragen.

„Die“ Wissenschaft hat – mit individuellen Ausnahmen – bis heute kein überzeugendes Interesse entwickelt, sich aus eigenem Antrieb mit Problemlösungsvorschlägen in aktuelle gesellschaftliche Debatten einzubringen. Die Lobbyisten im Wissenschaftssystem verwechseln Öffentlichkeitsarbeit immer noch zu häufig mit Akzeptanzbeschaffung, d.h. Drittmittelgeber und politische Entscheider sollen dafür gewonnen werden, neue Forschungstrends zu finanzieren (wogegen im Prinzip nichts einzuwenden ist). Aber es zeugt von Missachtung, wenn die gleichzeitige Aufklärung der gerade in Deutschland ausgeprägt risikoaversen Bevölkerung ausbleibt.

„Die“ Wissenschafts-PR (z.B. Pressestellen) hat gerade in den letzten Jahren qualitativ sehr an Substanz gewonnen. Am Ende aber muss sie sich immer den Vorgaben der Präsidien und Institutsleitungen beugen und deren Ziele verwirklichen. Und oft auch wider besseren Wissens Tage der Offenen Tür und Lange Nächte der Wissenschaft organisieren, obwohl solche Events überhaupt kein Stück dazu beitragen, dem Vertrauen in Wissenschaft bei den (wahlberechtigten) Bürgern aufzuhelfen.

„Der“ Wissenschaftsjournalismus schließlich ist in Sachen Vertrauen, Akzeptanz und Relevanz vergleichbar unter Druck wie die Wissenschaft selbst. Die Inseln im Meer der Medien, wo qualitätsvoller Wissenschaftsjournalismus noch möglich ist. werden kleiner und seltener. Die, die jetzt noch übrig sind, müssen sich die Frage stellen, womit sie ihr Publikum noch erreichen. Wer ohne gesellschaftliche Verantwortung agiert, schielt mit der Boulevardisierung und Sensationalisierung von Wissenschaft auf Einschaltquote und Klicks. Wer aber den aufklärerischen Auftrag von Journalismus ernst nehmen will, agiert ohne Unterstützung der Redaktionsleitungen und gegen die Shitstorms der großen Problemvereinfacher im Netz.

Ich bin überzeugt, dass es einer Koalition aller Akteure im System Wissenschaftskommunikation bedarf, um dem „populistischen Kokolores“ (Müller-Jung) etwas entgegenzusetzen. Gegenseitige Schuldzuweisungen und das Aufrechnen von Fehlern in der Vergangenheit helfen gar nichts. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, aus den Echokammern der Wissenschaftskommunikation herauszutreten und den Dialog mit jenen zaufzunehmen, die beim nächsten Wahlgang auch über die Freiheit von Wissenschaft entscheiden werden. Und dieser Dialog kann sofort anfangen: in den Gesprächen mit unseren Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunden und Verwandten.

Weiterer Beitrag zu diesem Thema:

 

Wissenschaftler! Welche PR wollt ihr eigentlich?

„Bashing der Wissenschafts-PR“ nennt Markus Lehmkuhl sein Dossier im Meta-Magazin. Moment mal! War nicht eben noch allerorten die Rede vom „Sommer der Wissenschaftskommunikation“ als Metapher für Aufbruch und Neuanfang? Siggener KreisAkademien-Empfehlung („WÖM“) und ein Workshop der VolkswagenStiftung wurden als Impulse wahrgenommen, um im offenen Austausch miteinander das Verhältnis und die Interaktion von Wissenschaft, von PR und Wissenschaftsjournalismus auf ein neues, qualitativ besseres Fundament zu stellen.

Doch ein Spiegel Online-Gespräch über „Wissenschaft in den Medien“ machte im Februar 2015 deutlich, wie tief die Gräben nach wie vor sind, die die Wissenschafts-PR von ihren Bezugsgruppen trennt. Tragischerweise sogar von Teilen der Wissenschaft selbst. Denn wie sonst lässt sich erklären, dass der prominente Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer im erwähnten Gespräch die Initiative Wissenschaft im Dialog (WiD) als „reine Geldverschwendung“ bezeichnet und den Organisatoren von Wissenschaftsjahren und Wissenschaftsstädten empfiehlt, sie „sollten sich schämen“.

Fischer ist Medienprofi genug, um zu wissen, wie man mit Zuspitzungen Aufmerksamkeit erzeugt. Und gewiss zielt seine Schelte nicht allein auf WiD. Dahinter steht eine diffuse Unzufriedenheit mit der Wissenschafts-PR im Allgemeinen. Auch Markus Lehmkuhl geht in seinem Dossier mit WiD hart ins Gericht. Die Initiative habe nichts zu einer „wissenschaftlichen Rationalisierung gesellschaftlich relevanter Debatten“ beigetragen. Er erinnert daran, dass die großen Wissenschaftsorganisationen, die bis heute übrigens auch die Grundfinanziers von WiD sind, sich 1999 in einem Memorandum verpflichtet hätten, einen „permanenten Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu etablieren“. Lehmkuhls Fazit heute: „Was als durchaus ernsthafter Versuch einer dialogorientierten Wissenschaftskommunikation gestartet ist, ist praktisch zu einer Art Imagekampagne geworden, bei der sehr zweifelhaft ist, ob sie das Wesen der Wissenschaft nicht eher verdeckt als es offenbar werden zu lassen.“

Anders als Fischer im Spiegel Online-Gespräch fokussiert Lehmkuhl seine Kritik an der Wissenschafts-PR aber nicht auf WiD als gern gegriffenes Fallbeispiel. Für ihn trägt vielmehr „die“ Wissenschaft selbst eine erhebliche Mitverantwortung an den Fehlentwicklungen, die sie nun öffentlichkeitswirksam kritisiert. Als Belege zieht Lehmkuhl in seinem Dossier Studien heran, die in sogenannten High Impact-Journals erschienen sind und nachweisen, wie auch Wissenschaftler sich bei der Kommunikation ihrer Forschungsergebnisse, bisweilen sogar schon bei der Festlegung auf Vorhaben, an Vermarktungs- und PR-Strategien orientieren, und welchen Anteil Wissenschaftler am Zustandekommen von Pressemitteilungen haben, denen sie man später vorwerfen, sie würden Forschungsbefunde übertreiben, sensationalisieren, verzerren.

Diese Studien sind bekannt, die Befunde nicht neu. Aber neu ist, wenn man Lehmkuhl folgt, die kritische Selbstreflexion dieser Phänomene innerhalb des Wissenschaftssystems, auch in den sogenannten „harten“ Naturwissenschaften. Mögen Kommunikations- und Medienwissenschaftler sich in der Vergangenheit noch so abgemüht haben, mit kritischen Studien auf das Publikationsverhalten ihrer Kollegen in anderen Disziplinen pädagogisch einzuwirken – es hat kaum interessiert. Das scheint sich jetzt zu ändern.

Das überzeugendste Signal dafür sind die Empfehlungen der Akademien („WÖM“), hinter der eine heterogene Gruppe angesehener Experten und – auch technik- und naturwissenschaftlich fokussierter – Institutionen steht, deren zentraler Appell, in Lehmkuhls Worten, lautet: „Hört auf, PR zu machen! Denn sie trägt zum Vertrauensverlust der Wissenschaft bei.“

Für die Wissenschaft ist es, nach Lehmkuhl, höchste Zeit, nicht nur die „eigene irregeleitete PR-Maschinerie“ in den Griff zu kriegen, sondern auch ihren eigenen, immer wieder formulierten Aufklärungsanspruch einzulösen. Zu lange habe sich Forschungskommunikation unter dem Publikationsdruck am Neuigkeitswert und an der Spektakularität orientiert: „Stattdessen muss sie sich darauf konzentrieren, gesellschaftlich relevante wissenschaftliche Informationen von irrelevanten zu unterscheiden und diese relevanten Informationen sachadäquat und für Laien verständlich aufzubereiten.“

Wie Lehmkuhl seine Argumentation in vier Kapiteln ausbreitet, lohnt auf jeden Fall die Lektüre. Am Ende wird klar, dass das „Bashing der Wissenschafts-PR“, dem zumindest ein Teil der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht abgeneigt ist, ein Verdrängungsreflex ist. Denn so mogelt sich die Wissenschaft aus der Mitverantwortung für vieles, was sie an ihren Pressestellen und Eventmanagern kritisiert.

Dass die PR letztlich auch nur ein Abbild der Kultur der Wissenschaft selbst ist, beschreibt Markus Weißkopf, Geschäftsführer der gescholtenen Institution WiD, in einem Kommentar zu Lehmkuhls Dossier sehr anschaulich: „Es gibt Professoren, die morgens eine etwas übertrieben formulierte Pressemitteilung an ihre Pressestelle senden und sich am Nachmittag über die Medialisierung beschweren. Einige wünschen sich eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit, ähnlich wie in einem Unternehmen, andere eine, die sämtliche Imagekommunikation beiseitelässt.“

Gut 15 Jahre nach PUSH lässt sich konstatieren, dass die Wissenschaft die seinerzeit formulierten Ziele (z.B. Akzeptanzsicherung für die Wissenschaft und Aufklärung der Öffentlichkeit über Wissenschaft mittels Beteiligung an gesellschaftlichen Diskursen) offenbar weder mit dem nötigen Interesse, noch mit der nötigen Verantwortung verfolgt und beaufsichtigt hat. Stattdessen wurde das bis heute wenig geliebte Thema „Öffentlichkeitsarbeit“ an Pressestellen, Eventabteilungen und an organisationsübergreifende Institutionen delegiert.

Die Wissenschaft macht es sich deshalb einfach, wenn sie sich auf Distanz zu den PR-Profis begibt. Stattdessen ist mehr denn je der Dialog wünschenswert. Wissenschaft und PR müssen sich auf gemeinsame Ziele verständigen. Das wird nicht mit globalen Regelwerken funktionieren (wobei ein PUSH-II durchaus als Referenz nützlich wäre), sondern muss wohl individuell ausgehandelt werden. Dass auch die Pressestellen mit dem Status Quo nicht zufrieden sind, belegen Aktivitäten wie der Siggener Kreis, über den ich hier schon geschrieben habe, der aber auf die Kritiker in der Wissenschaft bislang offenbar keinen Eindruck macht.

Dass der eingangs zitierte „Sommer der Wissenschaftskommunikation“ schon wieder vorbei ist, glaube ich nicht. Nach wie vor ist die zentrale Aufgabe nicht gelöst, der sich alle Akteure von Wissenschaftskommunikation stellen müssen. Es wird darum gehen, sich im Dialog der Bezugsgruppen gegenseitig zu versichern, welche Form der Kommunikation man sich wünscht, um welche Ziele zu erreichen.

Die VolkswagenStiftung bereitet einen Workshop vor (#wowk15), die sich am 5. und 6. Oktober 2015 diesem Thema stellen soll. Der Fokus wird auf dem Kommunikationsverhalten der Wissenschaft liegen – und ihren Erwartungen an die Interaktion mit anderen Bezugsgruppen.

Ein „Bashing“ wird es dort für keine Akteursgruppe geben. Stattdessen einen vorbehaltlosen Dialog. Hoffentlich. Denn ohne den kommen wir alle nicht weiter.

Die nächsten Schritte auf dem Weg zu besserer Wissenschaftskommunikation

Im Nachhinein muss ich zugeben: Es war vielleicht nicht die beste Idee, den Vortrag von Frank Marcinkowski und Matthias Kohring an den Anfang unserer Tagung zu stellen. Denn was die beiden Kommunikationswissenschaftler den Gästen des Workshops „Inhalt statt Image? Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation brauchen“ (#wowk14; http://www.volkswagenstiftung.de/index.php?id=2644) um die Ohren hauten, löste bei etlichen Gästen der VolkswagenStiftung Schnappatmung aus. Das ging deutlich über den kalkulierten Theaterdonner hinaus.

Wissenschafts-PR, so Kohring und Marcinkowski, bedrohe „die Autonomie und die Funktionsweise von Wissenschaft“; es gäbe für sie „keine funktionale Begründung“, denn: „Wissenschaft benötigt keine Öffentlichkeit, um zu funktionieren.“ (http://www.volkswagenstiftung.de/wowk14/marcinkowski_kohring.html) Joachim Müller-Jung, Ressortchef Natur und Wissenschaft der FAZ, sprang den abgewatschten PR-Menschen letzte Woche mit Trost zur Seite und bewertete das Attest der beiden Wissenschaftler als „Ohrfeige für alle verdienten Kommunikatoren, die ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrzunehmen und dafür einiges zu opfern bereit sind.“ (http://blogs.faz.net/planckton/2014/10/15/auf-welchem-karren-kommunizieren-sie-1103)

Andererseits hat auch der erfahrene Wissenschaftsjournalist in den letzten Jahren „fast schon beängstigende Verschiebungen zugunsten der PR-Branche“ wahrgenommen. Während Wissenschaftsredaktionen schrumpften, würden Museen und Universitätspressestellen genug Personal vorhalten, um ihre „partikularen Eigeninteressen massiv“ zu vertreten. Was genau Joachim Müller-Jungs Unbehagen auslöst, bleibt offen. Es dürfte der klassische Generalverdacht sein, die PR-Abteilungen beeinflussten mit strategischer Kommunikation wissenschaftspolitische Entscheidungen.

Dass in der Wissenschaftskommunikation der informatorische Charakter vom manipulativen zunehmend überlagert wird, prägt offenbar auch die Wahrnehmung von Seiten der Akademien. In ihren Empfehlungen („WÖM“; http://www.leopoldina.org/de/presse/nachrichten/stellungnahme-wissenschaft-oeffentlichkeit-medien ) ermahnen sie „die Wissenschaft“ zur Einhaltung von „Qualitätsstandards“, „Redlichkeit“ und „ethischen Grundsätzen“ bei der Vermittlung von Forschungsergebnissen. Es wird sogar ein „Qualitätslabel“ für „vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation“ gefordert und – für die schwarzen Schafe – ein Sanktionierungsgremium, ein „Wissenschaftspresserat“, der „unfaire und fahrlässige Berichterstattung“ rügen soll.

Fasst man das Unbehagen an der Wissenschafts-PR, wie es sich derzeit an vielen Stellen artikuliert, zusammen, frage ich mich als Betroffener: In was für einer vermurksten Branche bin ich bloß gelandet? Schießt die Wissenschaftskommunikation tatsächlich so übers Ziel hinaus, dass sie von besonnenen Professoren streng zur Ordnung gerufen werden muss? – Doch gottlob hatte sich schon deutlich vor dem Akademienbericht der „Siggener Kreis“ zu Wort gemeldet und mit einer Selbstanzeige deutlich gemacht, dass die Zunft besser sein will als ihr Image: Auch in Siggen gebar diffuses Unbehagen den Ruf nach „Leitlinien für eine gute Wissenschaftskommunikation“ (http://www.wissenschaft-im-dialog.de/ueber-uns/siggener-kreis). Aber hier äußerte sich kein distinguiertes Professorenkollegium, sondern eine Schar ausgewiesener Praktiker, rekrutiert u.a. aus Presseabteilungen, Förderinstitutionen, Journalismus und „Wissenschaft im Dialog“.

Fassen wir zusammen: Mehr als 15 Jahre nach PUSH hat scheinbar alle Akteure in der Wissenschaftskommunikation das Gefühl erfasst, es läuft nicht so, wie es laufen sollte. Über Ursachen und Verursacher wird seit dem Sommer heftig debattiert. Das Unbehagen ist lagerübergreifend. Und „Schuldige“ sind – trotz der eingangs erwähnten Verdachtsäußerungen – noch nicht von vornherein ausgemacht. Beides eröffnet das Feld für einen breiten und sachorientierten Diskurs. Niemals war die Chance für Veränderung größer!

Wie aber könnte es nun weitergehen? Und zu welchem Ende? Dazu drei persönliche Anmerkungen.

1. Wieviel Recht haben Marcinkowski und Kohring?

Ich habe mich mit dem umstrittenen Vortrag der beiden Medienwissenschaftler auseinandergesetzt (http://jensrehlaender.tumblr.com/post/97052106533/wie-schaedlich-ist-wissenschaftskommunikation ) und empfehle den Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschafts-PR die Nachahmung. Nicht um die Autoren zu widerlegen, sondern um die Haltung und die Argumente von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu studieren, die Wissenschafts-PR vom Grunde ihres Herzens ablehnen und die gesellschaftliche Dimension niemals verinnerlicht haben. Gewöhnlich verweigern Wissenschaftler ihre Mitwirkung an kommunikativen Maßnahmen mit dem Verweis auf Forschungs- und Publikationsdruck, Lehrverpflichtungen, Gremienarbeit etc. So zweifellos relevant und respektabel diese Gründe auch sein mögen: Sehr viel motivationshemmender ist die Erfahrung, dass sich der Mehraufwand aus Forschersicht nicht lohnt. Wissenschaftskommunikation ist kein Karrierebaustein.

Wenn das Wissenschaftssystem auch 15 Jahre nach PUSH kein Anreizsystem entwickelt und Wissenschaftskommunikation keinen noch so kleinen Platz im Studienplan gefunden hat – wie soll sich denn überhaupt eine Sensibilität für diese Thema in der Scientific Community entwickeln können? Eine Haltung, die Wissenschaftskommunikation nicht bloß als von oben diktiertes Übel erduldet, sondern als Impuls für eigenverantwortliches Handeln begreift?

Dass die Wissenschaftskommunikation dazu beitragen möchte, über Risiken und Chancen von Forschung aufzuklären, Orientierung in Zukunftsfragen zu bieten, Transparenz herzustellen über die Verwendung öffentlicher Gelder und den Dialog mit der Öffentlichkeit zu suchen – all das sind hehre Ziele. Aber sie taugen nicht, wie wir in eineinhalb Jahrzehnten gelernt haben, um eine große Zahl von Forscherinnen und Forschern für Wissenschaftskommunikation zu gewinnen. Als Beleg hierfür seien noch einmal Marcinkowski und Kohring zitiert: Das Ziel, Laien für Wissenschaft zu begeistern, „hat zwar im Großen nie geklappt, hat aber noch einen rationalen Zug, der heutzutage fast rührend wirkt.“

Das Wissenschaftssystem braucht also nach wie vor einen Mentalitätswandel! Und der lässt sich nur herbeiführen, wenn man die Argumente der Kritiker Ernst nimmt und darauf eingeht – so schwer das eiligen Vordenkern fallen mag. Die Dinge aus der Perspektive der Wissenschaftler zu betrachten, ist in den Kreisen der Wissenschafts-PR und des Wissenschaftsjournalismus keine geübte Tradition.

2. Wissenschaftskommunikation funktioniert nicht ohne Wissenschaftler/innen

Wie immer läuft die aktuelle Erregung im Zirkel der Wissenschaftskommunikatoren an denen vorbei, die die wichtigste Zielgruppe repräsentieren: Tausende Professoren und Zehntausende wissenschaftliche Mitarbeiter/innen. Wie gelingt es, sie an Bord zu holen? Wissenschaftskommunikation kann nicht von oben herab verordnet werden. Sie muss vorgelebt werden. Und ich wage die Behauptung, dass die Repräsentanten des Wissenschaftssystems selbst dafür keineswegs immer die besten Beispiele liefern..

Wenn es ihnen wirklich Ernst ist mit der festen Verankerung von Wissenschaftskommunikation im System: Warum gibt es bis heute kein Modul „Basiswissen Wissenschaftskommunikation“ in j e d e m Curriculum, auch außerhalb der Kommunikations- und Medienwissenschaften? Warum setzen sich nicht hochkarätige Vertreter/innen des Wissenschaftssystems mit Vertreter/innen der Pressestellen zusammen, um im Dialog und auf Augenhöhe ein Regelwerk zu verfassen, das Wissenschaftlern wie PR-Leuten gleichermaßen dient? Das man dann den eigenen Chefs und widerspenstigen Wissenschaftlern entgegenhalten kann, wenn deren Wünsche die verabredeten Regeln guter Wissenschaftskommunikation unterlaufen?

Egal was Berufene auf Tagungen über die Qualität und Zukunft der Wissenschaftskommunikation gegenwärtig aushandeln – ohne regulatorische Verankerung, ohne verbindliche Anwendungsregeln, vor allem aber ohne positive Mitwirkung der Entscheider und der Scientific Community bleibt Wissenschaftskommunikation ein Nice-to-Have – etwas, das niemanden zu nichts verpflichtet.

3. Die Vielfalt bündeln!

Wenn, wie Joachim Müller-Jung meint, seit diesem Sommer „die Weichen neu gestellt werden“ für die Qualität und Zukunft der Wissenschaftsvermittlung, ist eine Bündelung der wichtigsten Aktivitäten aus meiner Sicht unerlässlich. Wie ich höre, wird der „Siggener Kreis“ wieder tagen. Und möglicherweise nehmen die Akademien „WÖM II“ in den Blick. (Dass man bei der Fortsetzung auch Vertreter/innen der Wissenschafts-PR und die Belange des Web 2.0 berücksichtigen will, haben Peter Weingart und Reinhart Hüttl auf der Tagung der VolkswagenStiftung versprochen.) Aktivitäten weiterer Player sind vorhersehbar, weil das Thema Wissenschaftskommunikation inzwischen so prominent diskutiert wird, dass man es sich als Hochschule, Wissenschaftsinstitution, Ministerium und Relevanzmedium kaum leisten kann, weiterhin bloß am Spielfeldrand zu stehen.

„Diskutieren“ freilich ist das eine, „Handeln“ das andere. Wenn aus den kritischen Tagungen und Erörterungen der nächsten Monate auch konkreter Innovationsdruck abgeleitet werden soll, wenn das Thema „Qualitätsvolle Wissenschaftskommunikation“ auf der politischen Entscheider-Ebene Relevanz erhalten soll – dann braucht es ein Büro, das die (Zwischen-)Ergebnisse sammelt, bewertet, komprimiert und im Dialog mit den Partnern neue Impulse formuliert, um den Prozess den gemeinsam definierten Zielen näher zu bringen. Auch könnte es Aufgabe dieses Büros sein, die Forschung der letzten drei, vier Jahre zu sichten und zu erfassen und Anregungen für die hierzulande noch junge Disziplin „Science of Science Communication“ zu erarbeiten.

Ich bin überzeugt, dass Stärke und Relevanz nur aus einer solchen Gemeinsamkeit heraus zu schaffen sind. Gemeinsamkeit setzt voraus, dass keine Dialoggruppe (Wissenschafts-PR, „die Wissenschaft“, Wissenschaftsmedien, Wissenschaftspolitik usw.) ausgeklammert werden. Und dass keine Dialoggruppe sich auf Kosten der übrigen profiliert.

Zersplitterung und Kompetenzgerangel würden unweigerlich eine Rückkehr zu jenem Frontverlauf bedeuten, den wir seit mehr als 15 Jahren kennen. Das kann niemand wollen. Denn dann hätten wir die einmalige Chance, die Wissenschaftskommunikation in Deutschland auf ein neues Fundament zu stellen, für mindestens 15 weitere Jahre verspielt.

Hinweis: Die Linkliste aller relevanten Blogbeiträge zu diesem Themenfeld führt Marcus Anhäuser: http://www.volkswagenstiftung.de/veranstaltungen/veranstaltungsberichte/berichte/wowk14/schnittstelle.html