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Warum der March for Science die Wissenschaft positiv erschüttert hat

Der March for Science am 22. April 2017 hat der Wissenschaft in Deutschland viel positive Aufmerksamkeit beschert.  Gleichzeitig wächst der Druck: Die Kommunikation nach außen und die Haltung nach innen erscheint Kritikern reformbedürftiger denn je. Andererseits erscheint das Wissenschaftssystem dieses Mal auch bereit dazu. Das verdient breite Unterstützung. Und eine Tagung am 25. und 26. Oktober 2017 von VolkswagenStiftung, ZEIT, Leopoldina und Robert Bosch Stiftung

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Ich glaube, so viele wohlmeinende Schlagzeilen hat die deutsche Wissenschafts-Community seit Ewigkeiten nicht mehr gehabt wie am 22. April 2017 – dem Tag des „March for Science“. An gut zwei Dutzend Standorten sollen 37.000 Menschen auf den Beinen gewesen sein. Gemessen an der Bevölkerungszahl ist das wenig. Doch angesichts bürgerlicher Behäbigkeit, die sich ohnehin kaum für oder gegen irgendetwas mobilisieren lässt, war das ganz beachtlich.

Gut vier Monate danach sei nun aber die Frage erlaubt: Was hat der March for Science  gebracht?

Guckt man auf die Habenseite, dann kann man wohl konstatieren: Das Personal an Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, zumal in leitenden Funktionen, hat verstanden, dass ein neuer Umgang mit gesellschaftlichen Kräften nun wohl doch unvermeidlich geworden ist, wenn man nicht noch weiter aus der Mitte der Gesellschaft driften will. Dass „die“ Gesellschaft „die“ Wissenschaft in der Herausforderung sieht, ihre Relevanz überzeugend deutlich zu machen und Verantwortung bei der Lösung von Zukunftsfragen zu übernehmen.

Schlagworte wie „Transparenz“ und „Partizipation“, mit denen man sich in Wissenschaftskreisen bislang wenig euphorisch auseinandergesetzt hat (es gibt natürlich auch rühmliche Ausnahmen in der Professorenschaft!), bekommen plötzlich neues Gewicht. Das Volk, aber auch Politiker und Interessenverbände, klopfen zunehmend lauter an das Tor im Elfenbeinturm. Und drinnen fragt man sich: Was tun?  „Wir haben ein dramatisches Vermittlungsproblem“, konstatierte Peter Strohschneider, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft – und zwar bereits vor dem March for Science, aber bereits unter dem Eindruck weltweiter Wissenschafts- und Experten-Skepsis sowie Fake News.

Was hat der „March for Science“ noch gebracht – außer Selbstzweifeln in der Scientific Community?

Mir scheint, der „March for Science“ hat einen Geist freigesetzt, der sich nicht mehr in die Flasche zurückdrängen lässt. Es scheint, als formierte sich im Innern des Wissenschaftssystems Widerstand gegen die „So-war-es-schon-immer-bei-uns-und-so-bleibt-das-auch“-Mentalität. Deutlich wurde das bei den Kundgebungen am 22. April, wo insbesondere aus dem wissenschaftlichen Mittelbau kecke Töne zu hören waren, die sich mutig gegen die Beharrungskräfte im Apparat aussprachen. Für mich, als Teilnehmer in Berlin, klang das schon richtig politisch.

Weitere Indizien für latente Opposition lieferte mir neulich eine Diskussion, die Manuel Hartung, Ressortleiter Chancen bei der ZEIT, und ich mit 80 Nachwuchswissenschaftler/innen aus der Förderung der VolkswagenStiftung hatten. Unser Thema „Die Krise der Klugen“. So hatte Hartung im Frühjahr 2017 einen ZEIT-Artikel überschrieben, in dem er die Frage formulierte: „Wo bleibt eigentlich der Aufschrei der Wissenschaft“, angesichts verdrehter wissenschaftlicher Tatsachen (Trump), unverhohlener Wissenschaftsfeindlichkeit (Erdogan, Orban) und grassierender Wissenschaftsskepsis (weltweit)?  Hartungs Eindruck: „Die deutschen Professoren fühlen sich von der rasenden Wirklichkeit um sie herum vor allem in ihrer Arbeit gestört.“

Wachsendes Unbehagen vor allem bei Nachwuchswissenschaftlern

Wer nun annimmt, dass der ZEIT-Redakteur wegen seiner Kritik von den anwesenden Wissenschaftler/innen niedergebuht wurde, sah sich widerlegt. Im Gegenteil: Das Gros stellte seine Polemik überhaupt nicht in Frage, sondern brachte eigenes persönliches Unbehagen zum Ausdruck, dass man im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Erwartung einerseits und dem modernisierungsresistenten Wissenschaftsbetrieb andererseits verspüre.

So scheint sich das Wissenschaftssystem ganz, ganz langsam in zwei Lager aufzuspalten die Wandlungswilligen und die Status Quo-Verteidiger. Es gärt. Und ich glaube, dieses Verdienst darf man dem „March for Science“ getrost anrechnen.

Und nun? Mit Blick auf die Kommunikation mit einem breiten Publikum erschallt vielerorts der reflexhafte Ruf nach „neuen Kommunikationskonzepten“. Das klingt dynamisch, verpflichtet zu nichts und vertagt konkrete Schritte auf eine nicht näher befristete Zukunft. Dabei haben die Kommunikationsprofis in den Universitäten, Hochschulen und Forschungsbereichen über die Jahre ein ständig modernisiertes und diversifiziertes Instrumentarium an Kommunikationsmitteln geschaffen, inklusive  Leitlinien für die bestmögliche Handhabung  – auch und gerade mit Blick auf ein differenziertes Laien-Publikum.

Verantwortung für Wissenschaftsvermittlung lässt sich nicht immer delegieren

Wäre es nicht ein guter erster Schritt, wenn sich die Entscheider im Wissenschaftsbetrieb, die jetzt „neue Konzepte“ fordern, erstmal die bereits bewährten von ihren PR- und Kommunikationsabteilungen erklären ließen? Denn ich unterstelle, dass das Wissen um die Wirkungsweisen von Kommunikationsmitteln im wissenschaftlichen Personal nach wie  vor nicht sehr verbreitet ist. Dabei sollte auch das eine Erkenntnis nach dem „March for Science“ sein: Dass man Wissenschaftsvermittlung nicht immer nur an Kommunikationsabteilungen wegdelegieren kann, sofern man als Wissenschaftler bei einem breiten Publikum glaubwürdig erscheinen will. Das eben setzt den vielbeschworenen Dialog auf Augenhöhe voraus.

Verstärktes Engagement bei der Wissenschaftsvermittlung zieht natürlich die  altbekannten Einwände der Wissenschaftler nach sich: Was bringt mir das für meine Karriere? Soll ich neben meiner Lehr-Labor-Arbeit auch noch Volkshochschule machen? Wofür haben wir Kommunikationsfachleute, wenn ich alles selbst machen muss usw.?

Eine allzu vertraute Litanei. Und doch: Seit dem „March for Science“ klingt sie anders. Nicht mehr nach einem kategorischen „Nein“, sondern immer öfter nach einem vorsichtig tastenden  „Wenn…dann…“

Aufbruchsstimmung? Ja, ich glaube, seit dem PUSH-Memorandum 1999 war die Bereitschaft in Wissenschaftskreisen niemals größer, tradierte Standpunkte kritisch zu reflektieren und offen zu sein für neue Impulse. Der Dialog auf Augenhöhe, der zwischen Wissenschaft und breiter Öffentlichkeit immer eher verdruckst und mit viel Anschieben funktioniert hat, könnte langfristig selbstverständlicher werden.

Wie die Öffnung der Wissenschaft besser gelingt und ihr Nutzen für die Lösung gesellschaftlicher Zukunftsfragen sichtbarer werden könnte – dafür gibt es nicht die eine Lösung. Und es sollte auch nicht allein in der Verantwortung der Wissenschaft bleiben, Lösungen zu finden. Politik, Journalismus, gesellschaftliche Interessengruppen – sie alle sind aufgerufen, am Gelingen dieses Projektes mitzuwirken.

Vielleicht braucht es dafür gar nicht viele neue Konzepte, sondern vor allem mehr Schulterschluss?

Einen Anstoß dazu will eine Tagung bieten, die die VolkswagenStiftung in Kooperation mit der Leopoldina, der ZEIT und der Robert Bosch Stiftung am 25. und 26. Okt. 2017 in Hannover anbietet: „Wissenschaft braucht Gesellschaft – Wie geht es weiter nach dem March for Science?.

Welche Erwartungen die Organisatoren, zu denen ich selbst zähle, mit dieser Veranstaltung verbinden, will ich in den nächsten Wochen hin und wieder an dieser Stelle berichten. Und eure Meinung und Wünsche dazu kennenlernen. Schreibt sie in die Kommentarspalte. Ich freue mich darauf, sie zu lesen und in meinen Beiträgen darauf einzugehen.

Hier geht es zum Programm und zur kostenlosen Anmeldung: www.volkswagenstiftung.de/wowk17

Weiterer Veranstaltungshinweis:

„Speak up for Science – eine offene Konferenz für kommunizierende Wissenschaftler“ veranstaltet Wissenschaft im Dialog am 15. und 16. Sept. 2017 in Berlin. Teilnahme kostenlos, Anmeldung erforderlich.

Blogbeiträge zum „March for Science“:

Im Blog „Wissenschaft kommuniziert“ findet sich eine Fülle von Artikeln und Statements über verschiedene Aspekte des „March for Science“

 

Die nächsten Schritte auf dem Weg zu besserer Wissenschaftskommunikation

Im Nachhinein muss ich zugeben: Es war vielleicht nicht die beste Idee, den Vortrag von Frank Marcinkowski und Matthias Kohring an den Anfang unserer Tagung zu stellen. Denn was die beiden Kommunikationswissenschaftler den Gästen des Workshops „Inhalt statt Image? Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation brauchen“ (#wowk14; http://www.volkswagenstiftung.de/index.php?id=2644) um die Ohren hauten, löste bei etlichen Gästen der VolkswagenStiftung Schnappatmung aus. Das ging deutlich über den kalkulierten Theaterdonner hinaus.

Wissenschafts-PR, so Kohring und Marcinkowski, bedrohe „die Autonomie und die Funktionsweise von Wissenschaft“; es gäbe für sie „keine funktionale Begründung“, denn: „Wissenschaft benötigt keine Öffentlichkeit, um zu funktionieren.“ (http://www.volkswagenstiftung.de/wowk14/marcinkowski_kohring.html) Joachim Müller-Jung, Ressortchef Natur und Wissenschaft der FAZ, sprang den abgewatschten PR-Menschen letzte Woche mit Trost zur Seite und bewertete das Attest der beiden Wissenschaftler als „Ohrfeige für alle verdienten Kommunikatoren, die ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrzunehmen und dafür einiges zu opfern bereit sind.“ (http://blogs.faz.net/planckton/2014/10/15/auf-welchem-karren-kommunizieren-sie-1103)

Andererseits hat auch der erfahrene Wissenschaftsjournalist in den letzten Jahren „fast schon beängstigende Verschiebungen zugunsten der PR-Branche“ wahrgenommen. Während Wissenschaftsredaktionen schrumpften, würden Museen und Universitätspressestellen genug Personal vorhalten, um ihre „partikularen Eigeninteressen massiv“ zu vertreten. Was genau Joachim Müller-Jungs Unbehagen auslöst, bleibt offen. Es dürfte der klassische Generalverdacht sein, die PR-Abteilungen beeinflussten mit strategischer Kommunikation wissenschaftspolitische Entscheidungen.

Dass in der Wissenschaftskommunikation der informatorische Charakter vom manipulativen zunehmend überlagert wird, prägt offenbar auch die Wahrnehmung von Seiten der Akademien. In ihren Empfehlungen („WÖM“; http://www.leopoldina.org/de/presse/nachrichten/stellungnahme-wissenschaft-oeffentlichkeit-medien ) ermahnen sie „die Wissenschaft“ zur Einhaltung von „Qualitätsstandards“, „Redlichkeit“ und „ethischen Grundsätzen“ bei der Vermittlung von Forschungsergebnissen. Es wird sogar ein „Qualitätslabel“ für „vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation“ gefordert und – für die schwarzen Schafe – ein Sanktionierungsgremium, ein „Wissenschaftspresserat“, der „unfaire und fahrlässige Berichterstattung“ rügen soll.

Fasst man das Unbehagen an der Wissenschafts-PR, wie es sich derzeit an vielen Stellen artikuliert, zusammen, frage ich mich als Betroffener: In was für einer vermurksten Branche bin ich bloß gelandet? Schießt die Wissenschaftskommunikation tatsächlich so übers Ziel hinaus, dass sie von besonnenen Professoren streng zur Ordnung gerufen werden muss? – Doch gottlob hatte sich schon deutlich vor dem Akademienbericht der „Siggener Kreis“ zu Wort gemeldet und mit einer Selbstanzeige deutlich gemacht, dass die Zunft besser sein will als ihr Image: Auch in Siggen gebar diffuses Unbehagen den Ruf nach „Leitlinien für eine gute Wissenschaftskommunikation“ (http://www.wissenschaft-im-dialog.de/ueber-uns/siggener-kreis). Aber hier äußerte sich kein distinguiertes Professorenkollegium, sondern eine Schar ausgewiesener Praktiker, rekrutiert u.a. aus Presseabteilungen, Förderinstitutionen, Journalismus und „Wissenschaft im Dialog“.

Fassen wir zusammen: Mehr als 15 Jahre nach PUSH hat scheinbar alle Akteure in der Wissenschaftskommunikation das Gefühl erfasst, es läuft nicht so, wie es laufen sollte. Über Ursachen und Verursacher wird seit dem Sommer heftig debattiert. Das Unbehagen ist lagerübergreifend. Und „Schuldige“ sind – trotz der eingangs erwähnten Verdachtsäußerungen – noch nicht von vornherein ausgemacht. Beides eröffnet das Feld für einen breiten und sachorientierten Diskurs. Niemals war die Chance für Veränderung größer!

Wie aber könnte es nun weitergehen? Und zu welchem Ende? Dazu drei persönliche Anmerkungen.

1. Wieviel Recht haben Marcinkowski und Kohring?

Ich habe mich mit dem umstrittenen Vortrag der beiden Medienwissenschaftler auseinandergesetzt (http://jensrehlaender.tumblr.com/post/97052106533/wie-schaedlich-ist-wissenschaftskommunikation ) und empfehle den Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschafts-PR die Nachahmung. Nicht um die Autoren zu widerlegen, sondern um die Haltung und die Argumente von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu studieren, die Wissenschafts-PR vom Grunde ihres Herzens ablehnen und die gesellschaftliche Dimension niemals verinnerlicht haben. Gewöhnlich verweigern Wissenschaftler ihre Mitwirkung an kommunikativen Maßnahmen mit dem Verweis auf Forschungs- und Publikationsdruck, Lehrverpflichtungen, Gremienarbeit etc. So zweifellos relevant und respektabel diese Gründe auch sein mögen: Sehr viel motivationshemmender ist die Erfahrung, dass sich der Mehraufwand aus Forschersicht nicht lohnt. Wissenschaftskommunikation ist kein Karrierebaustein.

Wenn das Wissenschaftssystem auch 15 Jahre nach PUSH kein Anreizsystem entwickelt und Wissenschaftskommunikation keinen noch so kleinen Platz im Studienplan gefunden hat – wie soll sich denn überhaupt eine Sensibilität für diese Thema in der Scientific Community entwickeln können? Eine Haltung, die Wissenschaftskommunikation nicht bloß als von oben diktiertes Übel erduldet, sondern als Impuls für eigenverantwortliches Handeln begreift?

Dass die Wissenschaftskommunikation dazu beitragen möchte, über Risiken und Chancen von Forschung aufzuklären, Orientierung in Zukunftsfragen zu bieten, Transparenz herzustellen über die Verwendung öffentlicher Gelder und den Dialog mit der Öffentlichkeit zu suchen – all das sind hehre Ziele. Aber sie taugen nicht, wie wir in eineinhalb Jahrzehnten gelernt haben, um eine große Zahl von Forscherinnen und Forschern für Wissenschaftskommunikation zu gewinnen. Als Beleg hierfür seien noch einmal Marcinkowski und Kohring zitiert: Das Ziel, Laien für Wissenschaft zu begeistern, „hat zwar im Großen nie geklappt, hat aber noch einen rationalen Zug, der heutzutage fast rührend wirkt.“

Das Wissenschaftssystem braucht also nach wie vor einen Mentalitätswandel! Und der lässt sich nur herbeiführen, wenn man die Argumente der Kritiker Ernst nimmt und darauf eingeht – so schwer das eiligen Vordenkern fallen mag. Die Dinge aus der Perspektive der Wissenschaftler zu betrachten, ist in den Kreisen der Wissenschafts-PR und des Wissenschaftsjournalismus keine geübte Tradition.

2. Wissenschaftskommunikation funktioniert nicht ohne Wissenschaftler/innen

Wie immer läuft die aktuelle Erregung im Zirkel der Wissenschaftskommunikatoren an denen vorbei, die die wichtigste Zielgruppe repräsentieren: Tausende Professoren und Zehntausende wissenschaftliche Mitarbeiter/innen. Wie gelingt es, sie an Bord zu holen? Wissenschaftskommunikation kann nicht von oben herab verordnet werden. Sie muss vorgelebt werden. Und ich wage die Behauptung, dass die Repräsentanten des Wissenschaftssystems selbst dafür keineswegs immer die besten Beispiele liefern..

Wenn es ihnen wirklich Ernst ist mit der festen Verankerung von Wissenschaftskommunikation im System: Warum gibt es bis heute kein Modul „Basiswissen Wissenschaftskommunikation“ in j e d e m Curriculum, auch außerhalb der Kommunikations- und Medienwissenschaften? Warum setzen sich nicht hochkarätige Vertreter/innen des Wissenschaftssystems mit Vertreter/innen der Pressestellen zusammen, um im Dialog und auf Augenhöhe ein Regelwerk zu verfassen, das Wissenschaftlern wie PR-Leuten gleichermaßen dient? Das man dann den eigenen Chefs und widerspenstigen Wissenschaftlern entgegenhalten kann, wenn deren Wünsche die verabredeten Regeln guter Wissenschaftskommunikation unterlaufen?

Egal was Berufene auf Tagungen über die Qualität und Zukunft der Wissenschaftskommunikation gegenwärtig aushandeln – ohne regulatorische Verankerung, ohne verbindliche Anwendungsregeln, vor allem aber ohne positive Mitwirkung der Entscheider und der Scientific Community bleibt Wissenschaftskommunikation ein Nice-to-Have – etwas, das niemanden zu nichts verpflichtet.

3. Die Vielfalt bündeln!

Wenn, wie Joachim Müller-Jung meint, seit diesem Sommer „die Weichen neu gestellt werden“ für die Qualität und Zukunft der Wissenschaftsvermittlung, ist eine Bündelung der wichtigsten Aktivitäten aus meiner Sicht unerlässlich. Wie ich höre, wird der „Siggener Kreis“ wieder tagen. Und möglicherweise nehmen die Akademien „WÖM II“ in den Blick. (Dass man bei der Fortsetzung auch Vertreter/innen der Wissenschafts-PR und die Belange des Web 2.0 berücksichtigen will, haben Peter Weingart und Reinhart Hüttl auf der Tagung der VolkswagenStiftung versprochen.) Aktivitäten weiterer Player sind vorhersehbar, weil das Thema Wissenschaftskommunikation inzwischen so prominent diskutiert wird, dass man es sich als Hochschule, Wissenschaftsinstitution, Ministerium und Relevanzmedium kaum leisten kann, weiterhin bloß am Spielfeldrand zu stehen.

„Diskutieren“ freilich ist das eine, „Handeln“ das andere. Wenn aus den kritischen Tagungen und Erörterungen der nächsten Monate auch konkreter Innovationsdruck abgeleitet werden soll, wenn das Thema „Qualitätsvolle Wissenschaftskommunikation“ auf der politischen Entscheider-Ebene Relevanz erhalten soll – dann braucht es ein Büro, das die (Zwischen-)Ergebnisse sammelt, bewertet, komprimiert und im Dialog mit den Partnern neue Impulse formuliert, um den Prozess den gemeinsam definierten Zielen näher zu bringen. Auch könnte es Aufgabe dieses Büros sein, die Forschung der letzten drei, vier Jahre zu sichten und zu erfassen und Anregungen für die hierzulande noch junge Disziplin „Science of Science Communication“ zu erarbeiten.

Ich bin überzeugt, dass Stärke und Relevanz nur aus einer solchen Gemeinsamkeit heraus zu schaffen sind. Gemeinsamkeit setzt voraus, dass keine Dialoggruppe (Wissenschafts-PR, „die Wissenschaft“, Wissenschaftsmedien, Wissenschaftspolitik usw.) ausgeklammert werden. Und dass keine Dialoggruppe sich auf Kosten der übrigen profiliert.

Zersplitterung und Kompetenzgerangel würden unweigerlich eine Rückkehr zu jenem Frontverlauf bedeuten, den wir seit mehr als 15 Jahren kennen. Das kann niemand wollen. Denn dann hätten wir die einmalige Chance, die Wissenschaftskommunikation in Deutschland auf ein neues Fundament zu stellen, für mindestens 15 weitere Jahre verspielt.

Hinweis: Die Linkliste aller relevanten Blogbeiträge zu diesem Themenfeld führt Marcus Anhäuser: http://www.volkswagenstiftung.de/veranstaltungen/veranstaltungsberichte/berichte/wowk14/schnittstelle.html

Wie schädlich ist Wissenschaftskommunikation?

Beim Workshop der VolkswagenStiftung “Image statt Inhalt? – Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation brauchen” (http://www.volkswagenstiftung.de/index.php?id=2644) haben die Kommunikationswissenschaftler Frank Marcinkowski, Münster, und Matthias Kohring, Mannheim, kürzlich mit der Wissenschaftskommunikation abgerechnet:

Es gäbe „keine funktionale Begründung für öffentliche Wissenschaftskommunikation“. Sie zu fordern, würde „keinem Wissenschaftler von selbst einfallen“. Trotzdem beteiligten sich alle wissenschaftlichen Einrichtungen an dieser „Aufmerksamkeitsindustrie“. Warum? – Um Medienpräsenz in finanzielle Förderung umzumünzen.

Zitat: „Wer (als Wissenschaftler/Anm. JR) gegen Öffentlichkeit ist, macht sich verdächtig und gilt als zurückgeblieben. Dabei bedrohe Wissenschaftskommunikation „die Autonomie und die Funktionsweise von Wissenschaft“. Man gibt „dafür viel Geld aus, bindet die Zeit von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen und demotiviert sie zusehends, verschwendet also auch noch immense Ressourcen für diese falsche Strategie“.- Mit solchen Statements, man kann es wohl nicht anders ausdrücken, schockierten die beiden Forscher regelrecht die meisten der 80 geladenen Gäste im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen in Hannover.

Dass insbesondere die anwesenden Wissenschaftskommunikatoren den Vortrag (http://www.volkswagenstiftung.de/wowk14/marcinkowski_kohring.html) der beiden scharf kritisierten, war wenig überraschend. Man würde es sich aber zu leicht machen, die Ausführungen als bloße Polemik abzutun. Deshalb will ich hier versuchen, die Argumentation nachzuzeichnen, vor allem anhand kurzer und längerer Zitate – als Auftakt für eine Diskussion im Netz über Qualitätskriterien für gute Wissenschaftskommunikation.

Die Argumentation
Für Marcinkowski und Kohring ist es „keineswegs selbsterklärend und selbstverständlich“, dass Wissenschaft sich an eine Laienöffentlichkeit wenden muss. Ob eine wissenschaftliche Aussage wahr oder falsch ist, entscheidet die Scientific Community aufgrund fachlicher Expertise. Dafür bedarf es nicht „der Zustimmung Dritter – schon gar nicht aller denkbaren Dritten“. „Wer dem skeptisch gegenüber steht, der möge sich vorübergehend einmal vorstellen, wie es wäre, in einer Welt mit öffentlicher Rechtsprechung zu leben“ – wo also Laien zu Gericht sitzen, die niemals Rechtswissenschaften studiert haben.

Wenn es also kein Indiz dafür gibt, „dass der wissenschaftliche Erkenntnisprozess dadurch befördert wird, dass möglichst viele zugucken oder im Begründungsverfahren mitreden“ – wer genau fordere dann überhaupt die Kommunikation von Wissenschaft in die breite Öffentlichkeit? Nach Ansicht von Kohring und Marcinkowski ist es, indirekt, die Politik. Früher hätten Politiker die Finanzierung des Wissenschaftssystems aus Steuermitteln mit dem Recht verknüpft, auch mitzuentscheiden, wofür diese Mittel eingesetzt werden. Aus dieser Detailsteuerung habe man sich aber angesichts der wachsenden Komplexität der Materie in den letzten eineinhalb Jahrzehnten zurückgezogen und den Wissenschaftsorganisationen mehr Autonomie bei der Budgetierung und Mittelverwendung zugestanden.
Gleichzeitig habe die Politik die Höhe der Finanzierung an Leistungsvereinbarungen geknüpft und auf diese Weise „die der Wissenschaft … wesensfremde Figur des Wettbewerbs propagiert“; „Wettbewerb wird öffentlich vorgeführt und für die Öffentlichkeit inszeniert – die prominentesten Beispiele sind die Exzellenzinitiative und die allgegenwärtigen Rankings.”

Um im Wettbewerb für finanzielle Ressourcen zu bestehen, seien die Institutionen gezwungen, „mit allen Mitteln an der eigenen Sichtbarkeit“ zu arbeiten. Das Vehikel dafür sei die Wissenschaftskommunikation. „Früher glaubte man, durch die Aufklärung der Laienbevölkerung mittels Wissen auch Akzeptanz für den Wissensproduzenten zu erzielen. Das hat zwar im Großen nie geklappt, hat aber noch einen rationalen Zug, der heutzutage fast rührend wirkt.“ Inzwischen aber diene Wissenschaftskommunikation keineswegs mehr „einer öffentlichen Kontroll- und Kritikfunktion oder gar einer Partizipation der Laienöffentlichkeit“, sondern „dem Primat der Eigenwerbung“, „der Medialisierung der wissenschaftlichen Einrichtungen“ – kurzum, sie sei eine „PR-Strategie“, mit „negativen Folgen für die Autonomie und die Funktionsweise von Wissenschaft“.

Ein längeres Zitat: „Das überzogene Streben nach Aufmerksamkeit löst sich nämlich völlig von der … Eigenlogik der Wissenschaft … – anders ausgedrückt: Wissenschaft tut nicht mehr das, wofür die Gesellschaft sie eigentlich bräuchte. Am sinnfälligsten wird das in scheinbar harmlosen und auf den ersten Blick sympathischen Forderungen, Wissenschaftler für die Wissenschaftskommunikation zu belohnen. Es gibt ja schon längst Zielvereinbarungen mit Professoren, in denen mediale Präsenz gefordert und bezahlt wird. Solche Anreize zielen darauf ab, die Wissenschaft so zu verändern, dass sie über sich selbst kommuniziert. Nicht die Wissenschaft hat dann den Primat, sondern die Kommunikation darüber.“ „Sichtbarkeit“ von Wissenschaft werde mit ihrer tatsächlichen wissenschaftlichen „Relevanz“ verwechselt. „Wir behaupten, dass eine übertrieben forcierte öffentliche Wissenschaftskommunikation – und zwar weil sie öffentlich ist – die Qualität von Wissenschaft systematisch zu verschlechtern droht.“

Schon wähle die Wissenschaft „Themen nach ihrem aktuellen Aufmerksamkeitspotenzial aus, … man produziert öffentlich darstellbare Ergebnisse oder kommuniziert nur solche Ergebnisse nach außen (man, das sind auch wissenschaftliche Zeitschriften) … – im Endeffekt werden der Wissenschaftler und sein Werk danach bewertet, ob sie an eine nicht-wissenschaftliche Öffentlichkeit vermittelbar sind.”

Wissenschaftskommunikation habe einen Mechanismus in Gang gesetzt – Kohring und Marcinkowski sprechen von „einer regelrechten Autosuggestion“ und einer „Ideologisierung des Begriffs“ – , „der sich zunehmend auf alle, auch auf die epistimischen Abläufe der Wissenschaft auswirkt und schon ausgewirkt hat, ja, der sich mehr und mehr in diese Erkenntnisprozesse der Wissenschaft hineinfrisst.“

Deshalb, so das Fazit der beiden Kommunikationswissenschaftler, könne es aus Sicht der Wissenschaft kein Ziel sein „bessere” Wissenschaftskommunikation zu fordern, sondern „diesen Mechanismus der öffentlichen Aufmerksamkeit und dessen unheilvollen Einfluss auf wissenschaftliche Erkenntnisse mit allen Mitteln außer Kraft zu setzen“.

Meine Meinung
Fassungslosigkeit war in den Gesichtern vieler deutlich abzulesen, die dem Vortrag zugehört haben. Die meisten dürften den Eindruck mitgenommen haben, die Kohring und Marcinkowski wollten die Wissenschaftskommunikation völlig abschaffen, weil sie nicht förderlich sei für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess. Laien – also auch Politikern – sei das Mitspracherecht zu verwehren, weil sie nicht über die dafür nötige fachliche Vorbildung verfügen. Einzig Wissenschaftsjournalisten akzeptieren Kohring und Marcinkowski als Instanzen, die kompetent genug sein (sollten), aus der Vielfalt von Studien jene herausfiltern, die für ihre jeweiligen Fächer tatsächlich „relevant“ seien und die diese dann einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen.

Ist das, was Marcinkowski und Kohring wollen, die Wiedererrichtung des akademischen Elfenbeinturms? Stammt ihr Bild von Wissenschaftskommunikation aus Vor-PUSH-Zeiten? Meiner Meinung nach: nur teilweise. Sie selbst beteuern am Ende ihres Vortrags, sie würden Wissenschafts-PR nicht generell für unnötig halten, aber vor einer „aus unserer Sicht fatalen Fehlorientierung von Wissenschaftskommunikation“ warnen. Und genau dies ist ein Punkt, der die Auseinandersetzung lohnt. Denn Fehlentwicklungen gibt es in der Wissenschafts-PR durchaus. Sie waren der Anlass zur Formulierung des „Siggener Aufrufs“; sie werden aufgegriffen in den „Empfehlungen“ der Akademien (http://www.acatech.de/de/publikationen/stellungnahmen/kooperationen/detail/artikel/zur-gestaltung-der-kommunikation-zwischen-wissenschaft-oeffentlichkeit-und-den-medien-empfehlungen.html) – und sie standen im Mittelpunkt des Workshops der VolkswagenStiftung.

Wer will bestreiten, dass die Aufgabe von Wissenschaftskommunikation nicht mehr nur die Vermittlung von Forschungsergebnissen an ein breites Publikum ist, sondern auch, fast möchte man sagen: „natürlich“, der Profilierung der eigenen Institution im Wettbewerb um Fördermittel dient? Die Pressestellen sind angehalten, möglichst viele Artikel in angesehenen Traditionsmedien zu initiieren, weil diese von jenen gelesen werden, die über Fördermittel entscheiden. Ihre PR-Strategien verfolgen das Ziel, größtmögliche Wahrnehmung zu erzeugen. Das hat dazu geführt, dass eher bescheidene Forschungserfolge in Pressemitteilungen sensationalisiert werden, dass nicht medienaffine Fächer in der Außendarstellung nicht vorkommen und etwa die Sichtbarkeit in Rankings als Gütesiegel für ganze Hochschulen missgedeutet werden.

Andererseits sorgen Forschungssprecherinnen und – sprecher dafür, Wissenschaft und Gesellschaft überhaupt in einen Dialog zu bringen. So verhindern sie die Konfrontation, die unvermeidlich würde, wenn die Wissenschaft sich dem Wunsch verweigert, ihr Forschungshandeln in der Öffentlichkeit darzustellen, über Mittelverwendung transparent zu berichten und offen zu sein für die Fragen und Sorgen der interessierten Laien. Wissenschaft ist auch Dienst an und für die Gemeinschaft!

Es wäre also nicht nur völlig unzeitgemäß, sondern auch töricht, der Wissenschaftskommunikation ihre Existenzberechtigung bestreiten zu wollen. Aber auch 15 Jahre nach PUSH scheint es große Unsicherheiten zu geben – dafür scheint mir der Vortrag wieder ein Indiz zu sein -, wie die Rollenverteilung zwischen Kommunikation und Forschern aussieht, wer welche Aufgaben zu übernehmen hat und welchen Anforderungen zu genügen. Es fehlt ein „Code of Conduct“.

Und wir Wissenschaftskommunikatoren müssen uns fragen, ob die Qualitätsstandards, die einzuhalten wir dauernd vorgeben, in der Praxis tatsächlich eingehalten werden? Generell gefragt: Wer definiert überhaupt, was qualitätsvolle Wissenschaftskommunikation ausmacht und wo sind diese Richtlinien niedergelegt?

Die Frage ist rhetorisch, denn die Antwort kennen wir alle: Es gibt den einen Kriterienkatalog für gute Wissenschaftskommunikation nicht. Auch nicht nach dem Workshop der VolkswagenStiftung, der sich eigentlich zum Ziel gesetzt hatte, Bausteine für eine „Charta guter Wissenschaftskommunikation“ zu erarbeiten, wie sie bereits der Siggener Kreis angeregt hatte.

Stattdessen hat der Workshop ein anderes (Teil-)Ergebnis erbracht, das im Moment vielleicht noch viel wichtiger ist: Kommunikatoren und Wissenschaftler haben dort angefangen, einen Dialog auf Augenhöhe zu führen. Die Kommunikatoren haben eingestanden, dass sie nur ein vages Bild von den Standards in der eigenen Branche haben (Personalstärke, fachspezifische Ausbildung, Professionalisierungsgrad, Verortung und Kompetenzen innerhalb einer Organisation etc.), und Wissenschaftler bemängelten, dass nicht einmal Grundzüge der Wissenschaftskommunikation jemals Teil ihrer Ausbildung gewesen seien. Zudem seien die Rahmenbedingungen so, dass öffentlichkeitswirksames Engagement weder belohnt würde noch der Karriere diene, eher im Gegenteil: Medienpräsenz könne innerhalb einer Fachcommunity sogar ins Abseits führen.

Vielleicht war dies auch eine indirekte Reaktion auf den Vortrag von Kohring und Marcinkowski: Dass die Kommunikatoren und Wissenschaftler sich im Workshop motiviert fühlten, Zäune einzureißen, die der gegenseitigen Annäherung bislang im Weg gestanden haben. Das Angebot an den Bundesverband Hochschulkommunikation, an der nächste Studie der Akademien mitzuwirken (#wök) und sich dort besonders im Bereich „Web 2.0“ einzubringen, war ein weiteres Ergebnis dieser Annäherung. Allerdings ist der Weg, der in Hannover eingeschlagen wurde, noch weit. Sehr weit sogar.

Links:
Die Dokumentatzion des Workshops “Image statt Inhalt – Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation brauchen” (#wowk14) : http://www.acatech.de/de/publikationen/stellungnahmen/kooperationen/detail/artikel/zur-gestaltung-der-kommunikation-zwischen-wissenschaft-oeffentlichkeit-und-den-medien-empfehlungen.html

Linkliste von Marcus Anhäuser mit Beiträgen zu #wowk14, Akademienpapier, Siggener Kreis: http://scienceblogs.de/plazeboalarm/index.php/empfehlungen-fuer-eine-besser-wissenschafts-pr-allerorten/