Wissenschaftler findet: Wissenschaft braucht keine Öffentlichkeit

Unter der Überschrift „Der Weg zur Wahrheitsfindung“ hat der Kölner Philosophie-Professor Thomas Grundmann in der aktuellen duz einen bemerkenswerten Kommentar geschrieben. Ich zitiere: „Laien vertrauen Experten, weil sie innerhalb des Expertensystems durch Ausbildung, Ämter oder Auszeichnungen anerkannt werden.“ Deshalb sollte ein  Laie auch „keine fachlichen Überlegungen gegen Experten anstrengen“, „denn das Vertrauen in die Experten ist der zuverlässigste Weg der Wahrheitsfindung.“

Ist das also die Lösung der gegenwärtig heiß diskutierten Krise des Expertentums: Lieber nicht selbst denken, auch in fachfremden Kontexten, sondern sich einfach auf jene verlassen, die von sich behaupten, zu wissen, was wirklich wichtig ist?

Bestimmt geht Thomas Grundmann davon aus, dass sein Kommentar Widerspruch erfahren wird. Ich fange mal damit an. Der Beitrag ist insofern mutig, als er selbstbewusst und dezidiert einer Hauptforderung widerspricht,  die gegenwärtig an die Wissenschaftskommunikation gerichtet wird: die Bürgerbeteiligung. Der fast schon sprichwörtliche Dialog auf Augenhöhe, nach dem längst auch die Spitzen des Wissenschaftssystems in ihren Reden vielfach rufen.

Thomas Grundmann allerdings hält das für keine gute Idee. Im Gegenteil: „Demokratische Ideale“ lassen sich seiner Meinung nach nicht auf das System Wissenschaft übertragen, ohne dort Schäden anzurichten: „Wissenschaftler sehen sich der Forderung nach Allgemeinverständlichkeit ausgesetzt. Wissensdiskurse gelten als illegitim, sobald sie nicht mehr auf Augenhöhe stattfinden. Aber diese demokratische Kritik an den Asymmetrien der Wissensgesellschaft legt den falschen Maßstab zugrunde und untergräbt systematisch das Vertrauen in Experten und Wissensautoritäten.“

Denn, so fasse ich in meinen eigenen Worten Grundmanns Fazit zusammen, wenn die Meinung des Experten nicht mehr als die richtungsweisende gilt, weil qualitativ gesichert, und jedermann, vor allem im Netz, herausposaunt, was ihm selbst plausibel erscheint, – dann erst geht das Vertrauen in Experten wirklich verloren.

Für uns, die wir in der Wissenschafts-PR arbeiten, sind die Thesen von Thomas Grundmann starker Tobak. Aber ich bin mir sicher, dass viele im System Wissenschaft zustimmen. Denn sie werden davon in einer Haltung bestärkt, die wohl immer noch die überwiegende ist: Dass die Wissenschaft summa summarum doch alles richtig macht. Kein Grund also, sich selbstkritische Fragen zu stellen. Erst recht nicht von Laien.

Grundmanns Kommentar erinnert mich an eine Keynote, die die Kommunikationsforscher Frank Marcinkowski und Matthias Kohring auf Einladung der VolkswagenStiftung hielten (#wowk14). Der Titel ihres Vortrags: „Nützt Wissenschaftskommunikation der Wissenschaft?“ Und ihr Fazit, auf den Punkt gebracht: nein.

„Die Funktion von Wissenschaft ist es offenbar, Sätze zu formulieren die – ein bestimmtes Verständnis von Wahrheit und akzeptierter Methoden ihrer Begründung unterstellt – als wahr gelten und daher als besonders geeignet, menschliches Handeln anleiten zu können. Fest steht dann: Der epistemische Prozess selbst, der Prozess der Zuschreibung von Wahrheitswerten auf Aussagen, bedarf weder der öffentlichen Sichtbarkeit, noch bedarf er der Zustimmung Dritter – schon gar nicht aller denkbaren Dritten. Ob eine Aussage als wahr oder falsch gilt, wird innerhalb der Wissenschaft, in der Regel innerhalb der epistemischen Öffentlichkeiten, der sogenannten Scientific Communities, entschieden.“ (Marcinkowski/Kohring)

Alle drei zitierten Wissenschaftler behaupten nicht, dass Experten unfehlbar seien. Dass einzelne „interessengeleitet oder bestochen“ sein könnten, schließt auch Grundmann nicht aus. Was aber nicht erwähnt wird: Dass Wissenschaft in gefühlt stetig wachsendem Maß mit Widerrufen von peer-reviewed Artikeln Schlagzeilen macht, mit manipulierten Studien und von der Industrie initiierten, wissenschaftlich aber fraglichen Gutachten. Erinnert sei an die von der Autoindustrie in Auftrag gegebenen Tier- und Menschenversuche. So untadelig und selbstregulierend funktioniert das System Wissenschaft also nicht.

Dass Grundmann am Ende seines Kommentars dazu aufruft, das Vertrauen in Experten und Autoritäten zu stärken, ist unbestritten. Nicht aber die Maßnahme, die er vorschlägt: „Deshalb sollte die Öffentlichkeit aufgeklärt werden, dass sich die Spielregeln der Wissensgesellschaft und der Demokratie unterscheiden.“

Ist das die richtige Haltung, um die wachsende Spaltung in Teilbereichen unserer Gesellschaft zu kitten?

 

16 Gedanken zu „Wissenschaftler findet: Wissenschaft braucht keine Öffentlichkeit

  1. Ulf J. Froitzheim

    Lieber Herr Rehländer,
    dass Herr Grundmann so denkt, ist nicht neu. Er hat sich vor einiger Zeit in einem Interview schon in dieser Richtung geäußert. Jedenfalls erweist er der Wissenschaft einen Bärendienst. Ob Wissenschaftskommunikation der Wissenschaft nützt, ist nicht die Frage, jedenfalls nicht, wenn Wissenschaftler sich nicht dem Verdacht aussetzen wollen, freiwillig Scheuklappen zu tragen. Die Öffentlichkeit, das sind die Bürger, die die Forschung mit ihren Steuern zu einem wesentlichen Teil finanzieren, und Wissenschaft ist immer auch der Gesellschaft verpflichtet. Wer das ausblendet, muss sich gefallen lassen, als arrogant und weltfremd wahrgenommen zu werden. Elitär in der obersten Etage des Elfenbeinturms hocken und stolz darauf sein? Diese Haltung ist in einer Demokratie nicht vermittelbar – und sie fördert Wissenschaftsfeindlichkeit.

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  2. Reiner Korbmann

    Man kann auf die Thesen Grundmanns eigentlich nur auf zwei Arten antworten, so widersprüchlich und engstirnig sind sie: Mit Argumenten, wobei ich glaube, dass sie nicht viel bewirken, oder mit Häme.
    Zunächst – der Glaubwürdigkeit halber – die Argumente: Grundmann macht meines Erachtens zwei grundlegende Fehler. 1. Er verwendet synonym für das gesellschaftliche Teilsystem der Wissenschaftler (vulgo Experten) den Begriff „Wissensgesellschaft“, doch das sind zwei gänzlich verschiedene Dinge: Einerseits die Scientific Community, die von der Gesellschaft alimentiert und versorgt wird, damit sie Wissen produziert, andererseits die (umfassende) Gesellschaft, die Wissen als wichtige Basis für ihre Entscheidungen und ihre Entwicklungen nimmt. Und 2. Er vermischt wissenschaftliche Ergebnisse und Wahrheit. Wissenschaft beschreibt keine Wahrheit, sondern Wirklichkeit, tatsächlich sogar nur einen (meist schmalen) Ausschnitt der Wirklichkeit, nämlich den, wonach die wissenschaftliche Untersuchung gefragt hat. Es ist eine (leider viel zu weit verbreitete) Hybris, dies als Wahrheit zu bezeichnen.
    Und mit der Hybris sind wir auch schon bei der Häme: Ja ja, so stellt Ihr Wissenschaftler Euch die ideale Gesellschaft vor: Alle Welt soll Euch glauben, Ihr braucht nicht verständlich erklären, Fehler, Eure eigenen Interessen, ja sogar Betrug sollen gnädig übersehen werden – Ihr gebt die Richtung vor, denn Ihr habt als Experten ja das Wissen exklusiv. Früher nannte man das Expertokratie, nicht Demokratie. Dabei in Wirklichkeit seid Ihr doch nur Experten auf einem ganz kleinen, engen Fachgebiet, auf allen anderen, die zusammen eine Gesellschaft ausmachen, seid Ihr Laien, ja LAIEN, genauso wie der Bäckermeister oder der Müllwerker. Und glücklicherweise hat das die weit überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler eingesehen und verinnerlicht. Aber ein paar Fossilien gibt es eben immer noch – und Fossilien sind interessant, nicht nur in der Naturgeschichte.
    Aber um ein besseres Verhältnis zu der Gesellschaft, die Euch trägt und Euch die Freiheit gewährt, Wissen zu produzieren (selbst: Fossil zu sein), kommt Ihr nicht herum. Und da ist Kommunikation das einzige funktionierende Mittel.

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  3. vera bunse

    Da Fakten mittlerweile vielen als Meinung gelten und umgekehrt, verständlich, dito angesichts des inflationären Pseudo-Expertentums. Passt acu gut zur allgemeinen Renaissance der Autoritätsgläubigkeit, doch heißt es nicht – gerade in der Wissenschaft -, geglaubt werde in der Kirche?

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  4. Josef König

    Lieber Herr Rehländer, nun habe ich mich doch geäußert, aber da ich etwas mehr geschrieben habe, fand ich es passend, nicht Ihren Blog vollzuschreiben – daher finden Sie meine längere Antwort in Widderworte.de.

    Noch ein Wort zu Kohring/Marcinkowski. Die beiden haben in Hannover eine andere Position vertreten, als Grundmann in seinen Beitrag. Jene argumentierten, dass Wissenschaftler, die ihre Haut zu Markte tragen, in die Gefahr geraten, nur noch für die Galerie zu forschen, also nur noch Projekte zu machen, die öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen. Grundmann berührt das nicht. Sein ausschließliches Thema ist die Asymmetrie zwischen Experten und Laien – und die Kakophonie de letzteren im Netz, die das Vertrauen in die Wissenschaft untergräbt. Da ist viel dran!

    @korbmann – Ihre Gleichsetzung von Wissensgesellschaft mit Scientific Community funktioniert m.E. nicht. Und nach meinem Eindruck haben Sie sich – wie manche andere Kommentatoren – gar nicht auf den Beitrag von Grundmann tatsächlich eingelassen. Außerdem vermischt er nicht Wahrheit und wissenschaftliche Ergebnisse; das ist gar nicht sein Thema. „Wahrheit“ kommt bei ihm nur vor im Titel und einmal im Text als „Weg zur Wahrheitsfindung“ – das ist was anderes! Und es geht ihm auch gar nicht um Wahrheit oder Wirklichkeit, auch das ist nicht sein Thema.

    Sein Thema ist ausschließlich die Asymmetrie von Experten und Laien in der öffentlichen Diskussion und was passiert, wenn jeder Laie meint, ohne tief in das jeweilige Fach einzudringen, jedem Experten in die Parade fallen zu müssen. Ich finde, dass Grundmann in seiner Argumentation klar und deutlich ist und man sollte seinen Ansichten zumindest jenen Respekt zollen, dass wenn man ihn kritisiert, man sich zumindest vorher mit ihnen sich eingelassen hat.

    Er spricht also gar nicht der Gesellschaft ab, über Wissenschaft zu befinden – schließlich zahlt sie was dafür. Aber der Weg der Wahrheitsfindung in der Wissenschaft keine Frage von Demokratie und Abstimmung. (dazu habe ich mich in meinem Blog heute geäußert).

    @froitzheim sorry, aber das ist nicht das Thema von Grundmann und es spricht sich in seinem Beitrag in keinem Moment der Wissenschaft die Verpflichtung für die Gesellschaft ab. Es geht nur um die Frage, ob jeder Laien jedem Experten einfach über den Mund fahren darf, ohne eine Ahnung zu haben, wovon er redet – und zwar allein in Fragen der Forschung.

    Viele Grüße
    Josef König

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    1. Ulf J. Froitzheim

      Lieber Herr König,
      ich bezog mich nicht ausschließlich auf Grundmann. Mir geht es grundsätzlich darum, dass eine Wissenschaft, die sich nicht allgemeinverständlich ausdrücken will, einen Fehler macht. Sie überlässt das Feld den Verschwörungsidioten und Kampagneros. Die drücken ihre erfundenen Fakten nämlich immer allgemeinverständlich aus und sprechen effizient und effektiv das „schnelle Denken“ an, dem Constantin Seibt kürzlich einen interessanten Essay widmete. Das ist ihr kommunikativer Wettbewerbsvorteil.
      Wenn Grundmann schreibt, „die Öffentlichkeit (sollte) aufgeklärt werden, dass sich die Spielregeln der Wissensgesellschaft und der Demokratie unterscheiden“ ist ihm ganz klar vorzuwerfen, dass er die Wissengesellschaft außerhalb der Demokratie ansiedelt, als sei diese ein autarkes Teilsystem der Gesellschaft mit einem eigenen Regelwerk. „Wissensgesellschaft“ ist das Idealbild – oder sagen wir: die Utopie – der modernen aufgeklärten Gesellschaft, die selbstverständlich demokratisch verfasst zu sein hat. Dass wir derzeit von einer solchen meilenweit entfernt sind, ist ja leider unbestreitbar. Aber eine Meritokratie ist mit dem Grundgesetz nun mal nicht vereinbar. Die Wissenschaft (im Sinne von Scientific Community) kann nur ihr Bestes tun, Wissen so zu vermitteln, dass interessierte Laien den Erklärungen intellektuell folgen können, sich ernst genommen fühlen und so wieder mehr Vertrauen in die akademischen Eliten schöpfen, die an der Entfremdung keineswegs unschuldig sind. Es führt kein Weg daran vorbei, gegen Unwissen und Irrglauben beharrlich anzukommunizieren. Defensive bekommt der Wissenschaft schlecht.

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      1. Josef König

        @froitzheim
        Sehr geehrter Herr Froitzheim, trotz Ihrer Antwort auf meinen Einwurf sehe ich nicht, dass Sie wirklich auf Grundmanns Thesen und Implikationen einlassen. Es spricht sich nicht dagegen aus, dass Wissenschaft ihr eigenes Tun auch deutlich erklärt, dennoch sieht er den „Weg der Wahrheitsfindung“ als nicht-demokratischen Weg – und da ist ihm, zumindest aus meiner Sicht, völlig zuzustimmen. Als Philosoph spitzt er die Argumente auf eine knappe These zu. Das führt zu den hiesigen „Empörungen“.
        Ich habe mich dazu ausführlicher geäußert in meinem Blog, weil ich den Blog von Herrn Rehländer nicht Vollschreiben wollte. Sie können gern bei mir einen Blick reinwerfen und meine Erläuterungen der philosophischen Argumente von Herrn Grundmann nachlesen:
        http://www.widderworte.de/2018/02/wissenschaft-braucht-das-grundvertrauen-von-laien/

        Mit freundlichem Gruß
        Josef König

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    2. Reiner Korbmann

      @Josef König
      Vorweg: Die Gleichsetzung von Wissensgesellschaft und Scientific Community ist nicht meine, ganz im Gegenteil, sondern die Position von Herrn Grundmann. Es gibt viel mehr Wissen, als es ein einzelner Wissenschaftler, ja selbst die ganze Wissenschaft je erarbeiten könnte.
      Zum anderen aber: Sie haben recht, ich gehe nicht auf die Argumentation von Grundmann ein. Die sagt eigentlich nur Triviales: Dass wissenschaftliche Ergebnisse etwas Anderes sind als Willensbildung in der demokratischen Gesellschaft. Geschenkt, kein Dissens. Was ich kritisiere ist die Haltung Grundmanns, die Hybris zu meinen, dass von einer demokratisch verfassten Gesellschaft getragene Experten meinen (und es sind nicht nur die Steuergelder, viele Privilegien, auch die Freiheit der Forschung ist von dieser Gesellschaft der Wissenschaft gewährt), diese Gesellschaft habe einfach zu akzeptieren, was sie – mit unvollständigem und unverständlichem Wissen – sagen. Und dies auch noch (implizit oder explizit) als „Wahrheit“ ansehen und bezeichnen (und das von einem Philosophen, der Sokrates sicher gut kennt), wo es doch nur Ergebnisse einer gezielten, punktuellen Forschung sind. Argumentation nicht zugelassen.
      Mir ging es weniger um die Argumente von Grundmann, als um die Haltung, die dahinter steckt.

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      1. Josef König

        @Reiner Korbmann –

        Lieber Herr Korbmann,
        es ist wirklich schwer, mit einem bzw. gegen einen Journalisten zu argumentieren, der die einfachste Regel nicht beherzigen will: „audiatur et altera pars“ – höre auch die Gegenseite. Wenn Sie sich nicht auf Grundmanns Text einlassen wollen, ist es Ihre Sache, aber über ihn hinweg zu schreiben sich nur über seine Haltung beklagen, ist dann leider ein kühlen des eigenen Mutes am falschen Objekt.
        Sie werden in Grundmanns Text keine Gleichsetzung von „Wissensgesellschaft“ und „Scientific Community“ finden; ja selbst der Ausdruck „Scientific Community“ kommt in Grundmanns Text überhaupt nicht vor! Den fügen Sie hinzu!
        Und was die „Wissensgesellschaft“ angeht, so differenziert Grundmann nicht! Nicht in Universitäten, Forschungsinstituten und was auch immer zum Wissenschaft(!)-System gehören mag. Daher gehören aus meiner Sicht zu Grundmanns „Wissensgesellschaft“ als Experten nicht nur die Wissenschaftler in Unis und Forschungsinstituten, sondern z.B. auch der Programmierer bei SAP oder der Volkswirt bei der Deutschen Bank ebenso wie der Pilot einer A380 und viele andere mehr. Sie sind Experten auf ihren Gebieten. Und Sie werden wohl nicht die Hybris besitzen, einem Programmierer sagen zu wollen, wie er einen Algorithmus schreiben soll …?
        Grundmann unterscheidet zu Recht aber zwei – ich sage es nun mit meinen Worten – „Gesellschaft-Welten“ – a) die Wissensgesellschaft und b) die Gesellschaft als Gemeinschaft, in der wir alle als Volk leben. In ersterer gibt es keine Demokratie, sondern Experte wird man durch harte und intensive Arbeit auf dem „Weg zur Wahrheitsfindung“ -und diese „Expertise“ ist keine, die auf demokratischen Regeln beruht. Ebenso gehören nicht demokratische Regeln, um als Experte Anerkennung zu finden – das ist tatsächlich eine „Meritokratie“. Wogegen in der Demokratie andere Regeln herrschen, nämlich Abstimmungsprozesse.
        In dieser Gegenüberstellung ist keine Hybris zu finden – bis dahin ist es eine reine philosophische Klarstellung. Aber aus ihr leiten sich bestimmte Konsequenzen ab. Und leider – darin gebe ich Grundmann Recht – ist die Annahme jedes Laien, er könne sich über anerkannten Experten hinweg setzen, diese gar zu Recht weisen und glauben, es wisse es besser als der Experte, etwas das unserer (siehe b) demokratischen Gesellschaft sehr schadet. Um das zu erkennen reicht der Blick in die tägliche „Kakophonie“ von Laien im Netz, die sich einen Dreck um Experten scheren und alle mögliche Pseudoerkenntnisse zum Schaden der Demokratie verbreiten – und schließlich damit auch die Experten diskreditieren.
        Wohlgemerkt – wenn die Experten selbst sich durch Fehlverhalten diskriminieren, gibt es – das sagt auch Grundmann – in der Wissensgesellschaft Korrekturinstrumente.

        Sorry für die Deutlichkeit – aber das musste mal gesagt sein!

        Nix für Ungut – viele Grüße
        Josef König

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        1. Reiner Korbmann

          @Josef König
          Oh jeh, lieber Dr. König. Habe ich mit der „Haltung“ einen empfindlichen Nerv bei Ihnen getroffen, da Sie so emotional reagieren? Das wollte ich nicht.
          Aber ich denke wirklich, dass es bei Grundmann – und der Mehrzahl der Wissenschaftler, die eine Kommunikation der Wissenschaft mit der Gesellschaft ablehnen – um Haltung geht. Seine argumentative Forderung, dass sich die Spielregeln der Wissensgesellschaft und der Demokratie unterscheiden, ist doch eher trivial.
          „Haltung“ ist für mich die Grundeinstellung eines Menschen, die seinem Handeln und seinen Äußerungen zugrunde liegt. Und wenn Grundmann meint, der in einem Expertensystem lebt, das komplett von der demokratisch verfassten Gesellschaft getragen wird (von den Steuergeldern, über die Nachwuchsgewinnung und -ausbildung bis hin zur Freiheit der Forschung, und viele anderen Privilegien mehr), Wissensdiskurse seien der „falsche Maßstab“ und untergraben das Vertrauen in Experten und Wissensautoritäten, dann wehrt er sich dagegen, sein Wissen zu vermitteln, aber besonders, es hinterfragen zu lassen. Aber ohne Wissensvermittlung kann es keine Wissensgesellschaft geben, bestenfalls eine (Teil-)Gesellschaft der Wissenden, die Expertokratie. Und Grundmann nennt als Experten keine Programmierer oder Piloten, als einziges Beispiel nennt er Wissenschaftler (was ich mit „Scientific Community“ übersetzt habe). Ganz abgesehen davon, dass man Vertrauen nicht verordnen kann, wie er es wünscht, Vertrauen muss man sich selbst erarbeiten und verdienen. Das eigene Wissen nicht zu teilen oder hinterfragen zu lassen, nenne ich „Hybris“, die der Wissenschaft schlecht ansteht und das Vertrauen in sie eklatant gefährdet.
          Ich befinde mich gerade im Ausland, in der Nachbarschaft von Ruinen einer 66 Meter hohen Staumauer, die Experten in voller Überzeugung errichtet haben, dass dies sicher ist. Fünf Jahre später brach die Mauer und hinterließ über 400 Tote. Sie werden sagen: Heute wissen die Experten mehr. Aber das ist es ja gerade, die Vorläufigkeit, die Unvollständigkeit von Expertenwissen, die man niemandem vorwerfen kann, aber die dazu führen muss, dass Experten sich immer wieder hinterfragen lassen müssen, auch von Menschen, die viel weniger wissen als sie selbst.

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  5. Geert Keil

    Geht Ihre Reaktion nicht haarscharf an Thomas Grundmanns Thesen vorbei, Herr Rehländer? Grundmann sagt drei Dinge, die kein „starker Tobak“ sind, sondern unstrittig sein sollten:
    (1) Einen wissenschaftlichen Sachverhalt kann niemand kompetenter beurteilen als diejenigen Expert/innen, die die Sache wissenschaftlich erforschen.
    (2) Deshalb gibt es für jemanden, der die Sache nicht aus eigener Expertise beurteilen kann, keinen zuverlässigeren Weg der Wahrheitsfindung als sich auf das Urteil der Experten zu verlassen. (Wir können gern hinzufügen: „leider“.)
    (3) Wissenschaft ist fehlbar, aber für die Korrektur ihrer Irrtümer gibt es wiederum keinen besseren Weg als wissenschaftliche Forschung.

    Grundmann empfiehlt der Öffentlichkeit wohlgemerkt nicht, auf jedwede eigene Überlegung zu verzichten, sondern nur, keine eigenen Urteile an die Stelle von Expertenurteilen über den fraglichen Sachverhalt zu setzen – es sei denn, es gebe Indizien dafür, „dass der Experte interessengeleitet oder bestochen war“.

    Nun erwähnen Sie manipulierte Studien und Auftragsgutachten der Autoindustrie. Das ist ein guter Test für Grundmanns Thesen: Auf welche Weise hat denn die Öffentlichkeit die Versuche, bei denen Affen und menschliche Versuchspersonen Abgase einatmen mussten, mit gutem Grund kritisiert? Journalisten haben herausgefunden, dass die EUGT als Auftraggeber kein seriöser Forschungsförderer ist, sondern ein Lobbyverein, den die Hersteller Daimler, BMW und Volkswagen sowie ihr wichtigster Zulieferer Bosch ins Leben gerufen und finanziert haben. Die Journalisten haben also gerade nicht Testergebnisse zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Einatmens von Stickstoff durch eigene Einschätzungen ersetzt. Wie sollte das auch gehen, wenn man keine eigenen Forschungen angestellt hat?
    Insofern ist der Fall ein gutes Beispiel für die unverzichtbare Rolle der kritischen Öffentlichkeit, die Grundmann gar nicht bestreitet: Es hat, um die Glaubwürdigkeit und Aussagekraft der Studien zu erschüttern, genügt, Interessenkonflikte offenzulegen. Dafür bedarf es keiner wissenschaftlichen Expertise, sondern journalistischer Recherche.

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    1. jensrehlaender

      In einem sind wir uns schnell einig: Kritischer, unabhängiger Journalismus ist für die Kontrolle unseres demokratisch verfassten Gemeinwesens unverzichtbar. Was Ihre übrigen Anmerkungen anlangt: Es gibt zweifellos eine Asymmetrie des Wissens. Teils, weil Wissenschaft so komplex und vielfältig geworden ist, dass kein Laie sie versteht. Teils, weil Wissenschaft niemals große Anstrengungen unternommen hat, ihr Wissen zu erklären oder die Zivilgesellschaft im Vorfeld der Entwicklung neuer großer Forschungsthemen einzubinden. Folgt man Herrn Grundmanns Argumenten, ist das ja auch nicht nötig, weil: „Die Spielregeln der Wissensgesellschaft unterscheiden sich … radikal von den Spielregeln der modernen Demokratie, in der jede Stimme gleich viel zählt, Politik dem Wähler verständlich sein muss und allein die Mehrheit entscheidet.“ Wenn man daraus folgert, Wissenschaft muss nur für Experten verständlich sein und nicht mehrheitsfähig, um trotzdem betrieben werden zu können, kritisiere ich diese Haltung. Sie trägt dazu bei, dass Wissenschaft im Verdacht steht, sich für gesellschaftliche Fragen überhaupt nicht zu interessieren und sowieso nur „ihr Ding“ zu machen. „Die Gesellschaft“ erlebt „die Wissenschaft“ als isoliertes, vom Alltag meilenweit entfernt sich selbst genügendes Teilsystem. Glauben Sie, so schafft man Vertrauen? Es gibt Megatrends wie Gesundheit, Energie etc., wo Bürgerbeteiligung sehr gut organisiert werden könnte, im konsultativen Sinne. D.h. Bürger erhalten die Möglichkeit, ihre Fragen, Ideen, Kritiken in den Prozess einzubringen. Und alle Akteure lernen voneinander. So schafft man Vertrauen. Dass man über das Für und Wider einzelner Forschungen keine Mehrheitsbeschlüsse erlangen kann, weil die Wissenschaft unter dem Schutz des Grundgesetzes steht, ist klar. Nun mögen Sie sich fragen: Wozu das alles? Braucht die Wissenschaft das Vertrauen der Bürger, um zu funktionieren? Kurzfristig vielleicht nicht. Langfristig werden sich Politik und Wirtschaft aber sehr wohl an „Volkes Meinung“ ausrichten. Und dann wird man sehen, wie weit sich der Grundrechtsartikel aushöhlen lässt. Das letzte Eigentor, dass die deutsche Wissenschaft sich dank ihrer Ignoranz von Laien geschossen hat, war die Grüne Gentechnik. Da hat die Politik angesichts eines feindlichen (Laien-)Klimas den Stecker gezogen. Zum Schaden der Wissenschaft. Deshalb ist es an der Zeit umzudenken, finde ich.

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  6. Josef König

    @reiner Korbmann
    Lieber Herr Korbmann, nein, das ist absolut nicht der wunde Punkt. „Haltung“ finde ich sehr wohl notwendig und freue mich, wenn sie auf guter geistiger Grundlage beruht.
    Mein wunder Punkt ist, dass Sie Grundmanns Text nicht gründlich genug gelesen haben, aber sich die Freiheit heraus nehmen, über ihn hinweg etwas zu behaupten, das in ihm gar nicht vorkommt. Zugleich unterstellen Sie dabei dem Autor eine „Haltung“, die aus dem Text gar nicht heraus lesbar ist. Das ist mein wunder Punkt! Ich werde ungehalten und reagiere emotional, weil ich das als eine Missachtung eines Autors empfinde – die dieser nicht verdient hat.
    Was mich ärgert, lässt sich sehr gut an einem Beispiel aus Ihrer Antwort demonstrieren. Sie schreiben: „Und wenn Grundmann meint … Wissensdiskurse seien der „falsche Maßstab“ und untergraben das Vertrauen in Experten und Wissensautoritäten, dann wehrt er sich dagegen, sein Wissen zu vermitteln, aber besonders, es hinterfragen zu lassen.“ Nein! Gerade das sagt er nicht – mit keinem einzigen Wort!!
    Grundmann schreibt wörtlich: „Wissensdiskurse gelten als illegitim, sobald sie nicht mehr auf Augenhöhe stattfinden. Aber diese demokratische Kritik an den Asymmetrien der Wissensgesellschaft legt den falschen Maßstab zugrunde und untergräbt systematisch das Vertrauen in Experten und Wissensautoritäten.“
    Was sagt dieser Satz? Wem und wann gelten also Wissensdiskurse als „illegitim“? Nämlich der „demokratischen Kritik“ (=Allgemeinheit?) wenn die Wissensdiskurse zwischen Laien und Experten „nicht mehr auf Augenhöhe stattfinden“. Aber weil Laien keine „Augenhöhe“ mit Experten erreichen können, üben sie „demokratische Kritik an den Asymmetrien der Wissensgesellschaft“. Und genau diese Kritik ist der „falsche Maßstab“ und untergräbt nach Grundmann das Vertrauen in Experten und Wissenschaft! Dann entstehen – so sein Beispiel -„Verschwörungstheorien“. So einfach ist das, wenn man bereit ist, sich auf den Text einzulassen, bevor man sich über diesen auslässt.
    Grundmann wehrt sich im Text nirgendwo dagegen, dass Wissenschaftler ihr Tun dem Laien erläutern – denn das ist überhaupt nicht sein Thema! Er wehrt sich lediglich gegen die Einebnung der „Augenhöhe“ zwischen Experten und Laien, weil das mit einem „Glaubwürdigkeitsverlust erkauft“ wäre. Er fordert den Laien sogar auf, kritisch zu bleiben.
    Zusammenfassend mit meinen Worten: Grundmann plädiert für zweierlei: a) für ein Vorschuss an Grundvertrauen der Laien in Experten und Wissenschaft, und b) die notwendige Erhaltung der „Asymmetrie in der Wissensgesellschaft“ – mehr nicht!
    Das mag in Ihren Augen nun trivial erscheinen, aber wenn diese beiden Prämissen wegfallen, ist Vertrauensverlust die Folge. Da stimme ich Grundmann zu.
    Das bedeutet aber nicht, dass Sie und ich deswegen aufhören sollten, uns für die Wissenschaftskommunikation einzusetzen – das können Sie auch nicht aus Grundmanns Text heraus lesen!
    Viel Spaß, wo immer Sie auch im Ausland sein mögen. – Viele Grüße
    Josef König

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    1. Reiner Korbmann

      Lieber Herr Dr. König,

      ich sehe es ein, wir sind schlicht verschiedener Meinung: Sowohl was den Vertrauensvorschuss in Experten betrifft, als auch, was die Haltung von Grundmann betrifft. Glücklicherweise trifft dies auf unser Engagement für die Wissenschaftskommunikation nicht zu.

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      1. Josef König

        Lieber Herr Korbmann,

        ok – Schwamm drüber – vergessen wir den Disput, auch wenn Sie erneut genau jene „Haltung“ zeigen, die Herr Grundmann kritisiert – nämlich über etwas zu schreiben, dass Sie nicht genau wahrnehmen wollen.

        Ich frage mich daher nur, wie Sie darauf reagieren würden, wenn ich in gleicher Weise über physikalische Theorien und Gleichungen hinweg schriebe, wie Sie es sich hier erlauben, über Philosophietexte hinweg zu schreiben?

        Mit bestem Gruß
        Josef König

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