#Brüssel: Warum mir dieser Journalismus Angst macht

Das Mantra des etablierten Journalismus lautet: „recherchieren, analysieren, einordnen“. Mit solchem Ethos, mit fachlicher Expertise und fundierten Einschätzungen, will sich der sogenannte Qualitätsjournalismus absetzen vom oftmals oberflächlichen Gesummse in den sozialen Netzwerken. Doch was hat dieser postulierte Anspruch mit der Wirklichkeit zu tun? Wenig. Die mediale Begleitung der heutigen Terroranschläge in Brüssel liefert dafür erschütternde Beispiele. Wieder einmal.

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Wissenschaftsjournalismus: Die Nische als Daseinsform?

Im Sommer 2015 protestierten freie Wissenschaftsjournalisten aus Rundfunk und Fernsehen gegen Streichungspläne des WDR. Doch anders als bei früheren Anlässen wurden die Delinquenten dieses Mal von einer spontanen Solidarisierungswelle begleitet. Dem Intendanten Tom Buhrow, der die Wissenschaftsberichterstattung zuvor als „Nische“ im Ökosystem seines Hauses geringschätzt hatte, setzte die Wissenschafts-Pressekonferenz WPK eine eilig erstellte Website „keine-nische.de“ entgegen, auf der Repräsentantinnen und Repräsentanten bunter Provenienz preisgaben, warum sie Wissenschaftsjournalismus für unverzichtbar halten.

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Verstaatlicht den Journalismus! Sofort!

Wenn Kunden nicht jene Dinge konsumieren, die ihnen die Industrie anbietet, ist es hierzulande gute Sitte, dass die Wirtschaft nach staatlicher Hilfe ruft. In deren Genuss kamen so z.B. die Solar- und Autoindustrie („Abwrackprämie“). Fette Subventionen für die Verbraucher ließen die Nachfrage explodieren und die Konzernkassen ohrenbetäubend klingeln. Am Ende waren alle zufrieden. Weiterlesen

„Guten Journalismus gibt es nicht zum Nulltarif!“

Chefredaktion und Geschäftsführung von Correctiv haben mich kürzlich gebeten, über die Rolle von Stiftungen in der Journalismusförderung zu sprechen. Dies ist mein gekürzter und überarbeiteter Vortrag.

„Demokratie funktioniert nicht ohne informierte Öffentlichkeit“, heißt es in einer Erklärung, in der deutsche Stiftungen kürzlich ihre Sorge über die Erosion im unabhängigen und kritischen Journalismus zum Ausdruck gebracht haben.

Die Erklärung wurde naturgemäß besonders von der Medienbranche aufgegriffen und von den journalistischen Lobbyverbänden begrüßt. Dass Stiftungen sich als Förderer journalistischer Projekte mehr engagieren sollten, wird in letzter Zeit immer öfter gefordert: von Kommunikations- und Medienwissenschaftlern, von den Branchenverbänden und teilweise auch von Politikern.

Als Vertreter der VolkswagenStiftung habe ich an der Erklärung mitgearbeitet und als Mitinitiator des Expertenkreises Stiftungen und Qualitätsjournalismus führe ich viele Gespräche mit Leuten, die sich von einer konzertierten Aktion der Stiftungen offenbar einen Geldregen für journalistische Startups erhoffen. Denen muss ich sagen: Selbst bei einem denkbar großzügigen Einsatz von Stiftungen darf man sich die Rettung des Journalismus von ihnen nicht erwarten. Das, was den Stiftungen die Journalismusförderung bislang wert war, ist finanziell sehr, sehr wenig – gemessen am Umsatz im deutschen Medienmarkt.

Stiftungen wollen auch gar nicht den Journalismus retten. Sie können – und das entspricht auch ihrem Selbstverständnis – Experimentelles ermutigen, Leuchttürme finanzieren und Akteure miteinander vernetzen, die sonst vielleicht nicht miteinander reden würden.

Wichtiger als Budgetspekulationen ist mir persönlich aber die Frage: Wollen die Stiftungen dem Journalismus in Deutschland überhaupt unter die Arme greifen? – Da lohnt ein Blick auf die Arbeit des Expertenkreises Stiftungen und Qualitätsjournalismus.

Dessen Gründung ging meine Anfrage an den Bundesverband Deutscher Stiftungen voraus, wie sich Stiftungen in der Frage der Sicherung des unabhängigen und kritischen Journalismus in Deutschland positionieren wollten? Letztlich verstehen sie sich ja als Vertreterinnen zivilgesellschaftlicher Interessen. Und wenn sich die Zeichen mehren, dass der Journalismus seine ihm zugeschriebene Rolle als vierte Gewalt, als Kontrollinstanz im demokratisch verfassten Gemeinwesen perspektivisch nur noch unzureichend wahrnehmen kann, ist es dann nicht Aufgabe von Stiftungen, sich in diesen Prozess, verharmlosend auch Medienwandel genannt, einzubringen?

So kam es zu bislang drei Treffen mit jeweils etwa 20 Stiftungen. Das erste greifbare und aus meiner Sicht ermutigende Ergebnis: Obwohl der Kreis extrem heterogen zusammengesetzt ist, aus einigen großen und überwiegend kleinen Stiftungen, die obendrein alle verschiedene Stiftungsstrategien verfolgen und eigenen Satzungsgeboten unterliegen, teils schon Journalismusförderung betreiben, teils noch gar nicht, haben wir es geschafft, eine gemeinsame Erklärung zu verabschieden, mit der sich der Kreis am 22. September 2015 erstmals bemerkbar gemacht hat.

Mehr noch: 26 Vorstände und Geschäftsführungen von Stiftungen haben diese Erklärung unterzeichnet. Es ist also gelungen, die Problematik, die bis dahin nur auf der Arbeitsebene der PR-Verantwortlichen aus den verschiedenen Häusern diskutiert wurde, auf die Leitungsebene zu heben und die Entscheider zu zwingen, sich über die Erklärung mit dem Phänomen zu beschäftigen.

Denn das hatte sich schnell herausgestellt: Was in puncto Sicherung des sogenannten Qualitätsjournalismus auf dem Spiel steht, wie weit die Erosion im privatwirtschaftlichen Printbereich – und hier insbesondere bei den Regionalzeitungen – bereits fortgeschritten ist, dass die Informationsvielfalt akut gefährdet ist – all das ist den meisten Stiftungsleitungen genauso wenig oder genauso gut bekannt wie der sogenannten breiten Öffentlichkeit.

Aus dieser pessimistischen Behauptung, die ich hier frech aufstelle, leitet sich eine optimistische These ab: Schätzungsweise 120 Stiftungen sind in der Journalismusförderung tätig oder wollen sich, vom Stiftungskreis inspiriert, künftig in der Journalismusförderung engagieren. Bezogen auf die Gesamtzahl von 21 000 Stiftungen in Deutschland dürfte es aber viele Akteure geben, die noch gar nicht wahrgenommen haben, was für die informierte Zivilgesellschaft auf dem Spiel steht und dass sich da ein Handlungsbedarf abzeichnet, den sie noch gar nicht als solchen erkannt oder anerkannt haben. Und wo sie sich in Zukunft aber fördernd einbringen könnten.

Auch sie will der Stiftungskreis erreichen, er will – und muss – seine Basis verbreitern, um wirkungsmächtig zu werden. (Deshalb wird sich der Expertenkreis beim Deutschen Stiftungstag in Leipzig Anfang Mai 2016 in einer eigenen Veranstaltung präsentieren.) Und es darf m.E. bei der Verabschiedung einer wohlfeilen Erklärung nicht bleiben. Da wird mehr von uns erwartet.

Ungeachtet all dessen, was aus diesem Kreis vielleicht noch kommen mag: Schon jetzt tun Stiftungen was für die Journalismusförderung. Ich verweise auf die zugegebenermaßen noch lückenhafte Übersicht auf der Homepage des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, wo auf Initiative des Expertenkreises zum ersten Mal gebündelt erscheint, als Service für Journalisten, was Stiftungen an Förderung anbieten, und zwar nach folgenden Themenclustern sortiert: Recherche, Bildung, Medienkompetenz, Forschung Preise, Vernetzung.

Trotzdem nochmal die Frage: Hat dieses Angebot dazu beigetragen, den Journalismus in Deutschland besser zu machen? Bei strukturellen Ansätzen, z.B. der Aus- und Fortbildung gewiss. Bei der inflationären Stiftung von Journalistenpreisen dürfte der Effekt, abgesehen von der finanziellen Wohlfahrt der einzelnen Preisträger, gering sein. Aber ich glaube, die Frage muss auch anders gestellt werden, nämlich so:

Spiegeln die aktuellen Förderprogramme der Stiftungen den relevanten Bedarf wider? Gelingt es ihnen, mit ihren Ausschreibungen und Maßnahmen Schritt zu halten mit dem rasanten Medienwandel und -verfall, insbesondere auf der regionalen Ebene? Oder arbeiten sie sich an längst überholten Fragen ab und werden deshalb im Kontext der Diskussion des Medienwandels von den übrigen Akteuren gar nicht als relevante Impulsgeber wahrgenommen? Man diskutiert dann den Medienwandel – aber ohne die Stiftungen.

Auch bei der VolkswagenStiftung, deren Kommunikation ich leite, wurde ein gewisse Diskrepanz deutlich zwischen ihrem erstklassigen internationalen Renommee als private Wissenschaftsförderin – und einer sehr schmal dosierten Förderung im Bereich Wissenschaftsvermittlung und –kommunikation.

Machtvoll zurückgemeldet hat sich die Stiftung in diesem Jahr mit der Ausschreibung „Wissenschaft und Datenjournalismus“. Darin fördert sie acht Projekte – ausgewählt aus mehr als 80 Einsendungen – mit insgesamt 750 000 Euro. Das ist für die Branche viel Fördergeld. Aber es ist auch eine Botschaft seitens der Stiftung damit verbunden: nämlich deutlich zu machen, dass es guten Journalismus nicht zum Nulltarif gibt. Dass wir den kritischen, womöglich investigativen Journalismus brauchen, auch in der Wissenschaft. Aber gerade in den Wissenschaftsressorts wird Kahlschlag betrieben. Wie grotesk: Einerseits sind sich alle einig, dass die Wissenschaft immer wichtiger wird für die Gesellschaft, andererseits wird der Vermittlung von Wissenschaft durch professionelle, unabhängige und kritische Journalisten der Boden entzogen.

Um dem Datenjournalismus aber strukturell und dauerhaft zu mehr Relevanz zu verhelfen, reichen acht Förderprojekte nicht aus. Wir werden den Aktionsradius erweitern müssen und auch Aspekten der Datenkontrolle ein Forum bieten müssen, der Informationspflicht von Behörden, der Qualitätssicherung in der Generierung und Verarbeitung von Daten etc. pp.. Sonst bliebe die Ausschreibung womöglich ohne strukturellen und nachhaltigen Impuls.

Ich glaube, der Expertenkreis Stiftungen und Qualitätsjournalismus hat das Potenzial, sich als einflussreiches Gewicht zu profilieren und als Stimme der Stiftungen von Seiten der Politik, der Medienproduzenten und -wissenschaftler, der Startups und Innovationstreiber wahrgenommen zu werden. Um dem Kreis aber Relevanz zu verleihen,  sollte die Journalismusförderung aus meiner Sicht in der Stiftungswelt eine ganz neue Bewertung, Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit erfahren.

Das bedeutet nicht, dass es eine Kollektivverantwortung der Stiftungen für den Journalismus gibt. Auch andere Institutionen, die bislang noch am Spielfeldrand stehen, die Politik bspw., sehe ich hier in der Pflicht.
Ich sagte es eingangs: Stiftungen werden den Journalismus nicht retten. Aber sie könnten sich viel, viel mehr in die Begleitung der aktuellen Debatte einbringen, in der sie m.E. bislang keine Rolle spielen.

Wie man das dann in Einklang mit dem eigenen Stiftungszweck bringt, muss jedes Haus für sich lösen. Es gibt, wie gesagt, keine Kollektivverantwortung der Stiftungen für den Qualitätsjournalismus. Aber es gibt eine Verantwortung gegenüber der Zivilgesellschaft, der Stiftungen nicht gerecht werden, wenn sie beispielsweise dem Verschwinden des Wissenschaftsjournalismus als einem Genre tatenlos zusehen. Und bei ihren Förderungen eben nicht unterscheiden zwischen kurzfristiger Projektförderung und nachhaltiger Strukturentwicklung.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.