Wissenschaftler findet: Wissenschaft braucht keine Öffentlichkeit

Unter der Überschrift „Der Weg zur Wahrheitsfindung“ hat der Kölner Philosophie-Professor Thomas Grundmann in der aktuellen duz einen bemerkenswerten Kommentar geschrieben. Ich zitiere: „Laien vertrauen Experten, weil sie innerhalb des Expertensystems durch Ausbildung, Ämter oder Auszeichnungen anerkannt werden.“ Deshalb sollte ein  Laie auch „keine fachlichen Überlegungen gegen Experten anstrengen“, „denn das Vertrauen in die Experten ist der zuverlässigste Weg der Wahrheitsfindung.“

Ist das also die Lösung der gegenwärtig heiß diskutierten Krise des Expertentums: Lieber nicht selbst denken, auch in fachfremden Kontexten, sondern sich einfach auf jene verlassen, die von sich behaupten, zu wissen, was wirklich wichtig ist?

Bestimmt geht Thomas Grundmann davon aus, dass sein Kommentar Widerspruch erfahren wird. Ich fange mal damit an. Der Beitrag ist insofern mutig, als er selbstbewusst und dezidiert einer Hauptforderung widerspricht,  die gegenwärtig an die Wissenschaftskommunikation gerichtet wird: die Bürgerbeteiligung. Der fast schon sprichwörtliche Dialog auf Augenhöhe, nach dem längst auch die Spitzen des Wissenschaftssystems in ihren Reden vielfach rufen.

Thomas Grundmann allerdings hält das für keine gute Idee. Im Gegenteil: „Demokratische Ideale“ lassen sich seiner Meinung nach nicht auf das System Wissenschaft übertragen, ohne dort Schäden anzurichten: „Wissenschaftler sehen sich der Forderung nach Allgemeinverständlichkeit ausgesetzt. Wissensdiskurse gelten als illegitim, sobald sie nicht mehr auf Augenhöhe stattfinden. Aber diese demokratische Kritik an den Asymmetrien der Wissensgesellschaft legt den falschen Maßstab zugrunde und untergräbt systematisch das Vertrauen in Experten und Wissensautoritäten.“

Denn, so fasse ich in meinen eigenen Worten Grundmanns Fazit zusammen, wenn die Meinung des Experten nicht mehr als die richtungsweisende gilt, weil qualitativ gesichert, und jedermann, vor allem im Netz, herausposaunt, was ihm selbst plausibel erscheint, – dann erst geht das Vertrauen in Experten wirklich verloren.

Für uns, die wir in der Wissenschafts-PR arbeiten, sind die Thesen von Thomas Grundmann starker Tobak. Aber ich bin mir sicher, dass viele im System Wissenschaft zustimmen. Denn sie werden davon in einer Haltung bestärkt, die wohl immer noch die überwiegende ist: Dass die Wissenschaft summa summarum doch alles richtig macht. Kein Grund also, sich selbstkritische Fragen zu stellen. Erst recht nicht von Laien.

Grundmanns Kommentar erinnert mich an eine Keynote, die die Kommunikationsforscher Frank Marcinkowski und Matthias Kohring auf Einladung der VolkswagenStiftung hielten (#wowk14). Der Titel ihres Vortrags: „Nützt Wissenschaftskommunikation der Wissenschaft?“ Und ihr Fazit, auf den Punkt gebracht: nein.

„Die Funktion von Wissenschaft ist es offenbar, Sätze zu formulieren die – ein bestimmtes Verständnis von Wahrheit und akzeptierter Methoden ihrer Begründung unterstellt – als wahr gelten und daher als besonders geeignet, menschliches Handeln anleiten zu können. Fest steht dann: Der epistemische Prozess selbst, der Prozess der Zuschreibung von Wahrheitswerten auf Aussagen, bedarf weder der öffentlichen Sichtbarkeit, noch bedarf er der Zustimmung Dritter – schon gar nicht aller denkbaren Dritten. Ob eine Aussage als wahr oder falsch gilt, wird innerhalb der Wissenschaft, in der Regel innerhalb der epistemischen Öffentlichkeiten, der sogenannten Scientific Communities, entschieden.“ (Marcinkowski/Kohring)

Alle drei zitierten Wissenschaftler behaupten nicht, dass Experten unfehlbar seien. Dass einzelne „interessengeleitet oder bestochen“ sein könnten, schließt auch Grundmann nicht aus. Was aber nicht erwähnt wird: Dass Wissenschaft in gefühlt stetig wachsendem Maß mit Widerrufen von peer-reviewed Artikeln Schlagzeilen macht, mit manipulierten Studien und von der Industrie initiierten, wissenschaftlich aber fraglichen Gutachten. Erinnert sei an die von der Autoindustrie in Auftrag gegebenen Tier- und Menschenversuche. So untadelig und selbstregulierend funktioniert das System Wissenschaft also nicht.

Dass Grundmann am Ende seines Kommentars dazu aufruft, das Vertrauen in Experten und Autoritäten zu stärken, ist unbestritten. Nicht aber die Maßnahme, die er vorschlägt: „Deshalb sollte die Öffentlichkeit aufgeklärt werden, dass sich die Spielregeln der Wissensgesellschaft und der Demokratie unterscheiden.“

Ist das die richtige Haltung, um die wachsende Spaltung in Teilbereichen unserer Gesellschaft zu kitten?

 

3 Gedanken zu „Wissenschaftler findet: Wissenschaft braucht keine Öffentlichkeit

  1. Ulf J. Froitzheim

    Lieber Herr Rehländer,
    dass Herr Grundmann so denkt, ist nicht neu. Er hat sich vor einiger Zeit in einem Interview schon in dieser Richtung geäußert. Jedenfalls erweist er der Wissenschaft einen Bärendienst. Ob Wissenschaftskommunikation der Wissenschaft nützt, ist nicht die Frage, jedenfalls nicht, wenn Wissenschaftler sich nicht dem Verdacht aussetzen wollen, freiwillig Scheuklappen zu tragen. Die Öffentlichkeit, das sind die Bürger, die die Forschung mit ihren Steuern zu einem wesentlichen Teil finanzieren, und Wissenschaft ist immer auch der Gesellschaft verpflichtet. Wer das ausblendet, muss sich gefallen lassen, als arrogant und weltfremd wahrgenommen zu werden. Elitär in der obersten Etage des Elfenbeinturms hocken und stolz darauf sein? Diese Haltung ist in einer Demokratie nicht vermittelbar – und sie fördert Wissenschaftsfeindlichkeit.

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  2. Reiner Korbmann

    Man kann auf die Thesen Grundmanns eigentlich nur auf zwei Arten antworten, so widersprüchlich und engstirnig sind sie: Mit Argumenten, wobei ich glaube, dass sie nicht viel bewirken, oder mit Häme.
    Zunächst – der Glaubwürdigkeit halber – die Argumente: Grundmann macht meines Erachtens zwei grundlegende Fehler. 1. Er verwendet synonym für das gesellschaftliche Teilsystem der Wissenschaftler (vulgo Experten) den Begriff „Wissensgesellschaft“, doch das sind zwei gänzlich verschiedene Dinge: Einerseits die Scientific Community, die von der Gesellschaft alimentiert und versorgt wird, damit sie Wissen produziert, andererseits die (umfassende) Gesellschaft, die Wissen als wichtige Basis für ihre Entscheidungen und ihre Entwicklungen nimmt. Und 2. Er vermischt wissenschaftliche Ergebnisse und Wahrheit. Wissenschaft beschreibt keine Wahrheit, sondern Wirklichkeit, tatsächlich sogar nur einen (meist schmalen) Ausschnitt der Wirklichkeit, nämlich den, wonach die wissenschaftliche Untersuchung gefragt hat. Es ist eine (leider viel zu weit verbreitete) Hybris, dies als Wahrheit zu bezeichnen.
    Und mit der Hybris sind wir auch schon bei der Häme: Ja ja, so stellt Ihr Wissenschaftler Euch die ideale Gesellschaft vor: Alle Welt soll Euch glauben, Ihr braucht nicht verständlich erklären, Fehler, Eure eigenen Interessen, ja sogar Betrug sollen gnädig übersehen werden – Ihr gebt die Richtung vor, denn Ihr habt als Experten ja das Wissen exklusiv. Früher nannte man das Expertokratie, nicht Demokratie. Dabei in Wirklichkeit seid Ihr doch nur Experten auf einem ganz kleinen, engen Fachgebiet, auf allen anderen, die zusammen eine Gesellschaft ausmachen, seid Ihr Laien, ja LAIEN, genauso wie der Bäckermeister oder der Müllwerker. Und glücklicherweise hat das die weit überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler eingesehen und verinnerlicht. Aber ein paar Fossilien gibt es eben immer noch – und Fossilien sind interessant, nicht nur in der Naturgeschichte.
    Aber um ein besseres Verhältnis zu der Gesellschaft, die Euch trägt und Euch die Freiheit gewährt, Wissen zu produzieren (selbst: Fossil zu sein), kommt Ihr nicht herum. Und da ist Kommunikation das einzige funktionierende Mittel.

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  3. vera bunse

    Da Fakten mittlerweile vielen als Meinung gelten und umgekehrt, verständlich, dito angesichts des inflationären Pseudo-Expertentums. Passt acu gut zur allgemeinen Renaissance der Autoritätsgläubigkeit, doch heißt es nicht – gerade in der Wissenschaft -, geglaubt werde in der Kirche?

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