#Brüssel: Warum mir dieser Journalismus Angst macht

Das Mantra des etablierten Journalismus lautet: „recherchieren, analysieren, einordnen“. Mit solchem Ethos, mit fachlicher Expertise und fundierten Einschätzungen, will sich der sogenannte Qualitätsjournalismus absetzen vom oftmals oberflächlichen Gesummse in den sozialen Netzwerken. Doch was hat dieser postulierte Anspruch mit der Wirklichkeit zu tun? Wenig. Die mediale Begleitung der heutigen Terroranschläge in Brüssel liefert dafür erschütternde Beispiele. Wieder einmal.

Nehmen wir zum Beispiel Spiegel Online. Angesichts der Nachrichtensperre reiht dort ein Newsticker seit den frühen Morgenstunden wie am Fließband unverbundene Banalitäten, Nachrichtensplitter sowie Fundstücke aus Facebook und Twitter aneinander. Flankiert wird das Angebot von Artikeln, deren sehr vagen Erkenntniswert schon die Schlagzeilen im Konjunktiv vorwegnehmen („Attentäter könnten sich noch in Brüssel aufhalten“). Nicht fehlen dürfen Fotostrecken, die zwar keinerlei journalistischen Erkenntniswert haben, aber meine voyeuristischen Instinkte herausfordern sollen („Fotos aus Brüssel: Szenen des Schreckens“).

Auch in der Flut von Smartphone-Videos, die Augenzeugen Minuten nach den Anschlägen ins Netz gestellt haben, fischt Spiegel Online ausführlich. Da auch diese oftmals verruckelten, stets unkommentierten und folglich kontextlosen – dafür aber kostenlosen – Filmchen nichts mit Journalismus zu tun haben, klebt ihnen die Redaktion im Titel zwar das Zweite-Wahl-Siegel „Amateurvideos“ auf – und lockt trotzdem in der Formulierung der Überschrift mit der Aussicht, Grauenhaftes aus erster Hand zu sehen: „Amateurvideos aus Brüssel: Momente nach den Explosionen“.

Überfliegt man die Startseite von oben nach unten, wimmelt es von alarmistischen Formulierungen, die zwar unbestritten zur Situation passen, kraft ihrer Häufigkeit aber ein Gefühl akuter Bedrohung in mir auslösen, dass ich nicht hatte, bevor ich Spiegel Online anklickte – obwohl ich vorher im Radio von den Anschlägen gehört hatte. Überall Schlagzeilen und Teaser voller „Terror“, „Chaos“, „Panik“, „Schrecken“, „entsetzlich“.

So haben die Mörder und ihre Hintermänner zuverlässig erreicht, was sie in den Medien jedes Mal erreichen: maximale Aufmerksamkeit. Habt ihr, liebe Journalisten, schon vergessen, wie ihr zuletzt nach dem Germanwings-Absturz über euch selbst zu Gericht saßet? Wie ihr bedauert habt, dass man kollektiv in Privat- und Intimsphären eingebrochen ist, um Schmerz und Trauer hervorzuholen und auf Titelseiten und Homepages ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren?

Hand aufs Herz: Ihr und ich – wir alle wussten, dass diese Selbstkasteiung zu den Ritualen des Turbo-Journalismus gehört. Dass es natürlich nur den nächsten Anlass braucht, um die zuvor hochgehaltenen Gebote von seriöser Recherche, Analyse und Einordnung wieder in den Staub fallen zu lassen, um zum nächsten Unglücksort zu hetzen. Der heißt nun Brüssel. Ein neues Trauerspiel. Auch für diese Art von Journalismus, die nicht verantwortungsbewusst aufklären will, sondern nur noch greller auffallen will als die Konkurrenz. Denn das wenigstens das muss ich zu Gunsten von Spiegel Online anfügen: Alle anderen Medienseiten machen es haargenau so. Haargenau!

Und das macht mir Angst.

 

 

7 Gedanken zu „#Brüssel: Warum mir dieser Journalismus Angst macht

  1. Olaf Ollech

    Man stelle sich vor, es passiert ein schrecklicher Terroranschlag und die Medien berichten mit großem Schweigen. Hätten die Medienmacher dann nicht ihren Beruf verfehlt? Sind die Begriffe „Terror“, „Chaos“, „Panik“, „Schrecken“, „entsetzlich“ nicht treffende Beschreibungen? Wir leben nun mal im Internetzeitalter mit allen Vor- und Nachteilen. Früher musste der Pressefotograf seine Filme ins Fotolabor bringen oder unterwegs in der Cola-Dose entwickeln. Stunden später gab es dann vielleicht die ersten Bilder. Aber das war früher. Natürlich ist die Gefahr groß, dass „News“, Meldungen und Bilder ungeprüft und ungefiltert weiterverbreitet werden und hierbei muss jede Redaktion abwägen und auch Dinge wie Recht am eigenen Bild, Urheberrecht und Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten berücksichtigen, was tatsächlich leider zu wenig oder gar nicht gemacht wird. Dennoch ist es die Aufgabe der Medien, über Ereignisse zu berichten – auch zu einem Zeitpunkt, zu dem die Hintergründe naturgemäß noch nicht (restlos) geklärt sein können.

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    1. jensrehlaender Autor

      Ich glaube, dieser hektischen Echtzeit-Journalismus ist in Wahrheit keiner. Gestern gab es vom Moment der Anschläge in den Morgenstunden bis Mittags nicht die kleinste bestätigte Nachricht. Um diesen Engpaß zu umgehen, werden dann Pseudo-News produziert und das Netz wird abgesucht nach Amateuraufnahmen. Abzuwarten, bis man als Medium was Qualifiziertes beitragen kann, könnte zu einem Alleinstellungsmerkmal werden. Damit würde sich ein Medium – zumindest in meiner Wahrnehmung – positiv abgrenzen vom hysterischen Kampf um Aufmerksamkeit.

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  2. Gregor Keuschnig

    Eine der erklärten Absichten des Terrorismus ist es neben Aufmerksamkeit zu erzeugen auch Angst zu verbreiten. Theoretisch ist niemand mehr sicher; stets lauert mindestens die Möglichkeit eines Anschlags. Passiert es dann tatsächlich, befördern die sogenannten Echtzeitmedien genau diese Strategie, in dem sie mit Live-Tickern und Spezialsendungen Mutmaßungen, Teilwahrheiten oder einfach nur Zwischenstände veröffentlichen. Paradox ist dann, wenn man Stunden später in Kommentaren auf öffentlich.rechtlichen Medien, die dieses Spiel mitgemacht haben, erzählt bekommt, man solle keine voreiligen Schlüsse ziehen.

    Aber als Peter Sloterdijk neulich in einem Interview sinngemäß vorschlug, die Terrormeldungen nicht mehr auf Seite 1 sondern irgendwo auf Seite 8 oder 12 zu veröffentlichen, wurde er der Naivität bezichtigt. Medien befinden sich in einem Spagat: Ignorieren können so etwas nicht. Die Frage ist nur, ob man tatsächlich in simulierter Liveberichterstattung eine Art „Ich-war-dabei“-Gefühl erzeugen muss. Ich nehme einmal an, dass man dies nicht tun würde, wenn es nicht ein entsprechendes Publikum dafür geben würde. Am Ende muss der Rezipient entscheiden, ob er sich dies antut. Je mehr sich abwenden, je eher hört das auf.

    So zuweilen ekelhaft ich diese Form der Berichterstattung auch finde: Angst macht sie mir nicht.

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  3. Pingback: Jonet Das Journalistennetz. Seit 1994. » Medienlog 24. und 25. März 16

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