Mögen Wissenschaftler keine Wissenschafts-PR?

Die Wissenschafts-PR der Universitäten
und Forschungseinrichtungen leidet unter einem Mangel an Wertschätzung – ausgerechnet auf Seiten der Wissenschaft. Das musste ich schon einmal
an dieser Stelle konstatieren :
Im Juni 2014 waren die Empfehlungen zur Wissenschaftskommunikation von Acatech,
Leopoldin
a und BBAW („WÖM“) der Anlass.  Acht
Professoren und zwei Journalisten – darunter die einzige Frau – hatte man in
die Arbeitsgruppe berufen. Aber nicht die von Amtswegen prädestinierten
Expertinnen und Experten für die Vermittlung von Wissenschaft an Medien und
Öffentlichkeit, also Vertreter/innen der Presse- und Kommunikationsabteilungen.
„Die hatten wir nicht auf dem Schirm“, erklärte der Sprecher der AG, Professor
Peter Weingar
t, bei der Vorstellung des Berichts und wollte das gewiss als
Entschuldigung verstanden wissen.

Nun aber hat die Leopoldina nachgelegt und nach meinem
Eindruck nochmal unterstrichen, dass man auf die Beiträge aus den Reihen der
Wissenschaftssprecher gut verzichten kann. 
Wieder einmal geht es um die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte an
Medien, Öffentlichkeit und Politik. Und wieder einmal klären Forscher und
Journalisten unter Ausklammerung der Wissenschafts-PR die kommunikativen
Voraussetzungen für diesen Wissenstransfer untereinander.

Worum geht es in der Studie „Die synthetische Biologie in der öffentlichen Meinungsbildung“?

Nachdem die Mehrheit im Wissenschaftsbetrieb (58 Prozent) das
Scheitern der Grünen Gentechnik in Deutschland offenbar vor allem auf mangelhafte
Kommunikation zurückführt, möchte die Leopoldina bei der PR für das Thema
Synthetische Biologie vieles besser machen. Ihr Ziel sei es,

vertrauenswürdige Informationen und
transparente Bewertungen über absehbare Chancen, Herausforderungen und Risiken
der Synthetischen Biologie in die öffentliche Meinungsbildung und demokratische
Entscheidungsfindung einzubringen.“

Um herauszufinden, mit
welcher Kommunikationsstrategie dieses Ziel erreicht werden kann, hat sich die
Leopoldina mit dem Institut für Demoskopie Allensbach zusammengetan. Gemeinsam
wollte man herausfinden, welche Einstellung die Deutschen zu innovativen
Technologien haben, wie gut Forscher und Journalisten bei der Vermittlung von
Wissenschaft kooperieren, wie eine positive Akzeptanz für die Synthetische
Biologie geschaffen werden kann – vor dem Hintergrund, dass, laut Studie, immerhin
40 Prozent der Bevölkerung dafür plädieren, auf Forschungsprojekte zu
verzichten, wenn diese auch nur mit kleinen Risiken verbunden sind und weitere 15
Prozent in dieser Hinsicht unentschlossen, also Wackelkandidaten sind.

Soziale Medien spielen in der Wissenschaftskommunikation “kaum eine Rolle”

Die Demoskopen
befragten 106 Forscher, 103 Journalisten sowie 2350 Bürger. Ergänzt wird
die Studie durch 23 Tiefeninterviews mit Wissenschaftlern (die weibliche Form
ist jeweils mitzudenken).

Die etwa 120 Seiten umfassende, Ende Januar 2015 vorgelegte
Auswertung lohnt auf jeden Fall die Lektüre. Empirie im Kontext von wissenschaftskommunikativer
Wirkungsforschung ist hierzulande leider immer noch viel zu rar. Und selbst
wenn man sich nicht explizit für Synthetische Biologie interessiert, enthält
die Studie eine Fülle empirisch belegter Aussagen, die für
Kommunikationsverantwortliche  generell lehrreich
sein dürften.

Die sozialen Medien beispielsweise, deren Bedeutung nach
Meinung vieler Kritiker von den WÖM-Gutachtern so sträflich missachtet wurden, werden
auch von Allensbach und Leopoldina in ihrer Wichtigkeit arg zurückgestutzt. Sie
spielten, so heißt es, in der Wissenschaftskommunikation „offenbar kaum eine
Rolle“: „Diese Wahrnehmung teilen sowohl Wissenschaftler und Journalisten als
auch die Nutzer.“  

Das Fernsehen ist für 73 Prozent der Wissenschaftler das Leitmedium

In der Umfrage stufen nur 21 Prozent der Bürgerinnen und
Bürger das Internet (wohl inkl. sozialer Medien) als glaubwürdige Quelle ein, satte
53 Prozent hingegen das Fernsehen, 45 Prozent votieren für die Glaubwürdigkeit
der Zeitungen. Mehr als andere Mediengattungen, heißt es in der Studie, habe
das Internet „mit Glaubwürdigkeitsproblemen zu kämpfen“.

Dessen ungeachtet sind aber 73 Prozent der Wissenschaftler
überzeugt, dass das Internet die Chancen für den Dialog mit der Öffentlichkeit
verbessere. Leitmedium bleibt aber auch für sie das Fernsehen: 73 Prozent
glauben, es sei besonders geeignet, um wissenschaftliche Erkenntnis zu
vermitteln. Mit deutlichem Abstand – 47 Prozent – folgen aus Wissenschaftssicht
die Tageszeitungen.

Auch die Relevanz der Hochglanz-Publikationen, die von
Universitäten und Forschungseinrichtungen mit großem Aufwand finanziert werden,
bewertet die Studie ambivalent. Etwa 40 Prozent der Befragten würden ihnen zwar
„hohes Vertrauen“ beimessen. Verglichen mit der Reichweite traditioneller Medien
erreichten sie aber „nur eine sehr kleine Nutzergruppe“. Also viel Aufwand,
aber (zu) wenig Ertrag?

Starkes Votum für ein Mehr an Wissenschaftskommunikation

Von solcher Detailkritik abgesehen, steht die Notwendigkeit
von Wissenschaftskommunikation für die Leopoldina außer Frage. Dazu gibt es
schon in der Einleitung ein imperatives Statement, das keinen
Interpretationsspielraum lässt: „Die Vermittlung ihrer Forschungsinhalte gehört
zu den Aufgaben von Wissenschaftlern und wird insbesondere von Wissenschaftlern
an öffentlich finanzierten Einrichtungen erwartet.“

Pflichtbewusst erachten deshalb auch 86 Prozent der befragten
Wissenschaftler Kommunikation für „wichtig“ oder „sehr wichtig“.  60 Prozent der Forscher und 80 Prozent der
Journalisten reicht das bisher Erreichte sogar nicht aus. Sie „mahnen ein
stärkeres Engagement bei der Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte an.“

An dieser Stelle jedoch fragt man sich: An wessen Adresse
richtet sich die Mahnung? An die Institutsleitungen? An die Wissenschafts-PR?
Oder appellieren die Wissenschaftler an sich selbst? Denn auch wenn letztere
weit überwiegend von der Notwendigkeit der Kommunikation überzeugt sind, so geben
60 Prozent an, dass Öffentlichkeitsarbeit in ihrem Forscheralltag keine große
Rolle spielt – offenbar weil die Verhältnisse sie daran hindern.

Klage über unprofessionelle Pressestellen

Als Hürden
werden genannt: der Zeitmangel, die Konzentration auf Forschung und Lehre, mangelnde
Vorbereitung auf die Kommunikation mit Laien und, jetzt kommt´s, „unzureichende
personelle Ausstattung und Professionalisierung der Pressestellen“.
Sind nach Meinung der Wissenschaftler die Pressestellen also
„unprofessionell“? Und selbst wenn natürlich niemand ein solches Pauschalurteil
unterschreiben würde: Werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der
Öffentlichkeitsarbeit von der praktizierenden Wissenschaft nicht als
Dialogpartner auf Augenhöhe wahrgenommen?

Der Verdacht erhärtet sich, wenn man in den Zitaten aus den
Tiefeninterviews mit Wissenschaftlern liest, es wäre „nicht schlecht, wenn …
verstärkt Kommunikationszentren“ aufgebaut würden (ja, gibt es die nicht
längst: in Form von Pressestellen?). Oder dass man bei Kooperationen mit großen
Institutionen in den USA sehen könne, dass die „wirklich professionelle
Presseabteilungen haben“ (im Gegensatz zu den unprofessionellen in
Deutschland?).

Wo bleibt das breite Bündnis für mehr Qualität in der Wissenschaftskommunikation?

Noch hat die Studie „Die synthetische Biologie in der
Öffentlichkeit“ nach meiner Beobachtung in der Community der Wissenschafts-PR
keine große Aufmerksamkeit gefunden. Sie ist ihr aber zu wünschen, weil sie,
wie gesagt, mit Empirie manche Frage beantwortet, die ich mir längst schon
gestellt habe.

Dass Experten aus den Pressestellen und
Kommunikationsabteilungen sich darin nicht als eigene Fokusgruppe wiederfinden,
ist bedauerlich. Denn wer die Diskussion der letzten Monate verfolgt, weiß zum
Beispiel, dass die im Siggener Kreis zusammengeschlossenen Akteure aus der
Kommunikationsbranche genau jene Themen bereits bearbeiten, die zuerst „WÖM“
und nun auch die befragten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in dieser
Studie anprangern, nämlich die Suche nach Qualitätsstandards, die verhindern
sollen, was in der Studie unter der Überschrift „Fehler der Wissenschaftskommunikation“
gelistet wird: etwa die Neigung, Chancen übertrieben zu betonen, Risiken aber zu
verschweigen; ungesicherte Erkenntnis und falsche Informationen zu verbreiten;
Informationen unreflektiert weiterzugeben und keine eigene Haltung
darzustellen. Schließlich:  „Die Menschen
nicht ernst nehmen, Arroganz, Überheblichkeit bei der Präsentation“.

Fast alle Wissenschaftler halten sich für Kommunikatoren – die Journalisten widersprechen. Entschieden.

Dass sie die Laien nicht ernst nehmen, würde wohl kaum ein
Wissenschaftler zugeben. Denn in der Befragung gaben 86 Prozent an, es falle
ihnen leicht, ihre eigenen Forschungsergebnisse einem breiten Publikum zu
erklären. Das überrascht mich sehr. Ähnlich überwältigend fällt das Votum bei
den Journalisten aus – allerdings mit einer genau entgegengesetzten Aussage: 82
Prozent von ihnen meinen nämlich, es falle Wissenschaftlern schwer, mit Laien
zu kommunizieren.   

Liebe Wissenschaftler, Ihre Pressestellen werden sich freuen, Sie in Sachen Wissenschaftskommunikation zu schulen. Und sie stehen bereit für den konstruktiven Dialog. Aber wenn, dann bitte nur auf Augenhöhe!

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