Die nächsten Schritte auf dem Weg zu besserer Wissenschaftskommunikation

Im Nachhinein muss ich zugeben: Es war vielleicht nicht die beste Idee, den Vortrag von Frank Marcinkowski und Matthias Kohring an den Anfang unserer Tagung zu stellen. Denn was die beiden Kommunikationswissenschaftler den Gästen des Workshops „Inhalt statt Image? Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation brauchen“ (#wowk14; http://www.volkswagenstiftung.de/index.php?id=2644) um die Ohren hauten, löste bei etlichen Gästen der VolkswagenStiftung Schnappatmung aus. Das ging deutlich über den kalkulierten Theaterdonner hinaus.

Wissenschafts-PR, so Kohring und Marcinkowski, bedrohe „die Autonomie und die Funktionsweise von Wissenschaft“; es gäbe für sie „keine funktionale Begründung“, denn: „Wissenschaft benötigt keine Öffentlichkeit, um zu funktionieren.“ (http://www.volkswagenstiftung.de/wowk14/marcinkowski_kohring.html) Joachim Müller-Jung, Ressortchef Natur und Wissenschaft der FAZ, sprang den abgewatschten PR-Menschen letzte Woche mit Trost zur Seite und bewertete das Attest der beiden Wissenschaftler als „Ohrfeige für alle verdienten Kommunikatoren, die ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrzunehmen und dafür einiges zu opfern bereit sind.“ (http://blogs.faz.net/planckton/2014/10/15/auf-welchem-karren-kommunizieren-sie-1103)

Andererseits hat auch der erfahrene Wissenschaftsjournalist in den letzten Jahren „fast schon beängstigende Verschiebungen zugunsten der PR-Branche“ wahrgenommen. Während Wissenschaftsredaktionen schrumpften, würden Museen und Universitätspressestellen genug Personal vorhalten, um ihre „partikularen Eigeninteressen massiv“ zu vertreten. Was genau Joachim Müller-Jungs Unbehagen auslöst, bleibt offen. Es dürfte der klassische Generalverdacht sein, die PR-Abteilungen beeinflussten mit strategischer Kommunikation wissenschaftspolitische Entscheidungen.

Dass in der Wissenschaftskommunikation der informatorische Charakter vom manipulativen zunehmend überlagert wird, prägt offenbar auch die Wahrnehmung von Seiten der Akademien. In ihren Empfehlungen („WÖM“; http://www.leopoldina.org/de/presse/nachrichten/stellungnahme-wissenschaft-oeffentlichkeit-medien ) ermahnen sie „die Wissenschaft“ zur Einhaltung von „Qualitätsstandards“, „Redlichkeit“ und „ethischen Grundsätzen“ bei der Vermittlung von Forschungsergebnissen. Es wird sogar ein „Qualitätslabel“ für „vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation“ gefordert und – für die schwarzen Schafe – ein Sanktionierungsgremium, ein „Wissenschaftspresserat“, der „unfaire und fahrlässige Berichterstattung“ rügen soll.

Fasst man das Unbehagen an der Wissenschafts-PR, wie es sich derzeit an vielen Stellen artikuliert, zusammen, frage ich mich als Betroffener: In was für einer vermurksten Branche bin ich bloß gelandet? Schießt die Wissenschaftskommunikation tatsächlich so übers Ziel hinaus, dass sie von besonnenen Professoren streng zur Ordnung gerufen werden muss? – Doch gottlob hatte sich schon deutlich vor dem Akademienbericht der „Siggener Kreis“ zu Wort gemeldet und mit einer Selbstanzeige deutlich gemacht, dass die Zunft besser sein will als ihr Image: Auch in Siggen gebar diffuses Unbehagen den Ruf nach „Leitlinien für eine gute Wissenschaftskommunikation“ (http://www.wissenschaft-im-dialog.de/ueber-uns/siggener-kreis). Aber hier äußerte sich kein distinguiertes Professorenkollegium, sondern eine Schar ausgewiesener Praktiker, rekrutiert u.a. aus Presseabteilungen, Förderinstitutionen, Journalismus und „Wissenschaft im Dialog“.

Fassen wir zusammen: Mehr als 15 Jahre nach PUSH hat scheinbar alle Akteure in der Wissenschaftskommunikation das Gefühl erfasst, es läuft nicht so, wie es laufen sollte. Über Ursachen und Verursacher wird seit dem Sommer heftig debattiert. Das Unbehagen ist lagerübergreifend. Und „Schuldige“ sind – trotz der eingangs erwähnten Verdachtsäußerungen – noch nicht von vornherein ausgemacht. Beides eröffnet das Feld für einen breiten und sachorientierten Diskurs. Niemals war die Chance für Veränderung größer!

Wie aber könnte es nun weitergehen? Und zu welchem Ende? Dazu drei persönliche Anmerkungen.

1. Wieviel Recht haben Marcinkowski und Kohring?

Ich habe mich mit dem umstrittenen Vortrag der beiden Medienwissenschaftler auseinandergesetzt (http://jensrehlaender.tumblr.com/post/97052106533/wie-schaedlich-ist-wissenschaftskommunikation ) und empfehle den Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschafts-PR die Nachahmung. Nicht um die Autoren zu widerlegen, sondern um die Haltung und die Argumente von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu studieren, die Wissenschafts-PR vom Grunde ihres Herzens ablehnen und die gesellschaftliche Dimension niemals verinnerlicht haben. Gewöhnlich verweigern Wissenschaftler ihre Mitwirkung an kommunikativen Maßnahmen mit dem Verweis auf Forschungs- und Publikationsdruck, Lehrverpflichtungen, Gremienarbeit etc. So zweifellos relevant und respektabel diese Gründe auch sein mögen: Sehr viel motivationshemmender ist die Erfahrung, dass sich der Mehraufwand aus Forschersicht nicht lohnt. Wissenschaftskommunikation ist kein Karrierebaustein.

Wenn das Wissenschaftssystem auch 15 Jahre nach PUSH kein Anreizsystem entwickelt und Wissenschaftskommunikation keinen noch so kleinen Platz im Studienplan gefunden hat – wie soll sich denn überhaupt eine Sensibilität für diese Thema in der Scientific Community entwickeln können? Eine Haltung, die Wissenschaftskommunikation nicht bloß als von oben diktiertes Übel erduldet, sondern als Impuls für eigenverantwortliches Handeln begreift?

Dass die Wissenschaftskommunikation dazu beitragen möchte, über Risiken und Chancen von Forschung aufzuklären, Orientierung in Zukunftsfragen zu bieten, Transparenz herzustellen über die Verwendung öffentlicher Gelder und den Dialog mit der Öffentlichkeit zu suchen – all das sind hehre Ziele. Aber sie taugen nicht, wie wir in eineinhalb Jahrzehnten gelernt haben, um eine große Zahl von Forscherinnen und Forschern für Wissenschaftskommunikation zu gewinnen. Als Beleg hierfür seien noch einmal Marcinkowski und Kohring zitiert: Das Ziel, Laien für Wissenschaft zu begeistern, „hat zwar im Großen nie geklappt, hat aber noch einen rationalen Zug, der heutzutage fast rührend wirkt.“

Das Wissenschaftssystem braucht also nach wie vor einen Mentalitätswandel! Und der lässt sich nur herbeiführen, wenn man die Argumente der Kritiker Ernst nimmt und darauf eingeht – so schwer das eiligen Vordenkern fallen mag. Die Dinge aus der Perspektive der Wissenschaftler zu betrachten, ist in den Kreisen der Wissenschafts-PR und des Wissenschaftsjournalismus keine geübte Tradition.

2. Wissenschaftskommunikation funktioniert nicht ohne Wissenschaftler/innen

Wie immer läuft die aktuelle Erregung im Zirkel der Wissenschaftskommunikatoren an denen vorbei, die die wichtigste Zielgruppe repräsentieren: Tausende Professoren und Zehntausende wissenschaftliche Mitarbeiter/innen. Wie gelingt es, sie an Bord zu holen? Wissenschaftskommunikation kann nicht von oben herab verordnet werden. Sie muss vorgelebt werden. Und ich wage die Behauptung, dass die Repräsentanten des Wissenschaftssystems selbst dafür keineswegs immer die besten Beispiele liefern..

Wenn es ihnen wirklich Ernst ist mit der festen Verankerung von Wissenschaftskommunikation im System: Warum gibt es bis heute kein Modul „Basiswissen Wissenschaftskommunikation“ in j e d e m Curriculum, auch außerhalb der Kommunikations- und Medienwissenschaften? Warum setzen sich nicht hochkarätige Vertreter/innen des Wissenschaftssystems mit Vertreter/innen der Pressestellen zusammen, um im Dialog und auf Augenhöhe ein Regelwerk zu verfassen, das Wissenschaftlern wie PR-Leuten gleichermaßen dient? Das man dann den eigenen Chefs und widerspenstigen Wissenschaftlern entgegenhalten kann, wenn deren Wünsche die verabredeten Regeln guter Wissenschaftskommunikation unterlaufen?

Egal was Berufene auf Tagungen über die Qualität und Zukunft der Wissenschaftskommunikation gegenwärtig aushandeln – ohne regulatorische Verankerung, ohne verbindliche Anwendungsregeln, vor allem aber ohne positive Mitwirkung der Entscheider und der Scientific Community bleibt Wissenschaftskommunikation ein Nice-to-Have – etwas, das niemanden zu nichts verpflichtet.

3. Die Vielfalt bündeln!

Wenn, wie Joachim Müller-Jung meint, seit diesem Sommer „die Weichen neu gestellt werden“ für die Qualität und Zukunft der Wissenschaftsvermittlung, ist eine Bündelung der wichtigsten Aktivitäten aus meiner Sicht unerlässlich. Wie ich höre, wird der „Siggener Kreis“ wieder tagen. Und möglicherweise nehmen die Akademien „WÖM II“ in den Blick. (Dass man bei der Fortsetzung auch Vertreter/innen der Wissenschafts-PR und die Belange des Web 2.0 berücksichtigen will, haben Peter Weingart und Reinhart Hüttl auf der Tagung der VolkswagenStiftung versprochen.) Aktivitäten weiterer Player sind vorhersehbar, weil das Thema Wissenschaftskommunikation inzwischen so prominent diskutiert wird, dass man es sich als Hochschule, Wissenschaftsinstitution, Ministerium und Relevanzmedium kaum leisten kann, weiterhin bloß am Spielfeldrand zu stehen.

„Diskutieren“ freilich ist das eine, „Handeln“ das andere. Wenn aus den kritischen Tagungen und Erörterungen der nächsten Monate auch konkreter Innovationsdruck abgeleitet werden soll, wenn das Thema „Qualitätsvolle Wissenschaftskommunikation“ auf der politischen Entscheider-Ebene Relevanz erhalten soll – dann braucht es ein Büro, das die (Zwischen-)Ergebnisse sammelt, bewertet, komprimiert und im Dialog mit den Partnern neue Impulse formuliert, um den Prozess den gemeinsam definierten Zielen näher zu bringen. Auch könnte es Aufgabe dieses Büros sein, die Forschung der letzten drei, vier Jahre zu sichten und zu erfassen und Anregungen für die hierzulande noch junge Disziplin „Science of Science Communication“ zu erarbeiten.

Ich bin überzeugt, dass Stärke und Relevanz nur aus einer solchen Gemeinsamkeit heraus zu schaffen sind. Gemeinsamkeit setzt voraus, dass keine Dialoggruppe (Wissenschafts-PR, „die Wissenschaft“, Wissenschaftsmedien, Wissenschaftspolitik usw.) ausgeklammert werden. Und dass keine Dialoggruppe sich auf Kosten der übrigen profiliert.

Zersplitterung und Kompetenzgerangel würden unweigerlich eine Rückkehr zu jenem Frontverlauf bedeuten, den wir seit mehr als 15 Jahren kennen. Das kann niemand wollen. Denn dann hätten wir die einmalige Chance, die Wissenschaftskommunikation in Deutschland auf ein neues Fundament zu stellen, für mindestens 15 weitere Jahre verspielt.

Hinweis: Die Linkliste aller relevanten Blogbeiträge zu diesem Themenfeld führt Marcus Anhäuser: http://www.volkswagenstiftung.de/veranstaltungen/veranstaltungsberichte/berichte/wowk14/schnittstelle.html

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