Redet miteinander! Über Wissenschaftskommunikation

Erstens: Die Pressestellen der Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen haben ein veritables Akzeptanzproblem. Zweitens: Das Web 2.0 ist kein Ort für die seriöse Auseinandersetzung mit Wissenschaft.

Dies sind für mich zwei Erkenntnisse aus dem Abschlussbericht, den eine Kommission unter Leitung des renommierten Soziologen Peter Weingart gestern in Berlin vorgestellt hat (#woem). Schätzungsweise 80 Gäste – zur Hälfte Wissenschaftskommunikatoren, die andere Hälfte Wissenschaftler/innen und Journalist/innen – waren der Einladung von acatech, Leopoldina und Union der deutschen Akademien der Wissenschaften gefolgt. Dieses Bündnis war es auch, das vor zweidreiviertel Jahren den Beschluss fasste, die „Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien“ untersuchen zu lassen. Der Kommission gehörten acht Professoren an sowie zwei Journalisten, darunter die einzige Frau (Heidi Blattmann).

Vorgelegt wurden nun eine schlanke DinA4-Broschüre (30 Seiten) mit 13 „Empfehlungen vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen“ und, was bislang unzureichend bekannt ist, ein kapitaler Paperback (425 Seiten) mit Überblickstexten und ausführlichen Einzelgutachten, etwa über „die Rolle sichtbarer Wissenschaftler in der Wissenschaftskommunikation“ und „die Zukunft der Finanzierung des Qualitätsjournalismus“. (Download der Empfehlungen: http://www.acatech.de/de/publikationen/publikationssuche/detail/artikel/zur-gestaltung-der-kommunikation-zwischen-wissenschaft-oeffentlichkeit-und-den-medien-empfehlungen.html; Buch: http://www.amazon.de/Wissen-Nachricht-Kommunikation-Wissenschaft-%C3%96ffentlichkeit/dp/3942393808)

Anlass des Unternehmens war das Unbehagen auf Seiten der Akademien, dass Wissenschafts-PR unter dem Eindruck des Eigenmarketings immer öfter übers Ziel hinausschießen würde. Deshalb fordert die Kommission nun gleich unter Ziffer 1 ihrer Empfehlungen von den „Leitungsebenen aller wissenschaftlichen Einrichtungen“, man möge „mit Journalisten ethische Grundsätze und Qualitätskriterien zur Kommunikation ihrer Forschungsergebnisse“ entwickeln. Sogar die Schaffung eines eigenen Qualitätslabels „für vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation zur Auszeichnung institutioneller Pressearbeit“ wird vorgeschlagen (Zif.2). „Beschwerden über unfaire und fahrlässige Berichterstattung“ sollen einem noch zu etablierenden „Wissenschaftspresserat“ vorgelegt werden (Zif. 10).

Liest man die „Empfehlungen“ ohne die weit ausholenden Erläuterungstexte, fragt man sich bange: Wie schlimm ist es um die Wissenschafts-PR in Deutschland bestellt? Gelten heute neue Spielregeln, also Manipulation statt Information? Übertreibung statt Wahrheit? Institutionenmarketing statt Werbung zum Wohl der Wissenschaft? Und sind einzig Kommunikationsforscher und Journalisten kompetent, mit Leitfäden und Qualitätsstandards die entfesselte Hydra zu bändigen?

Zweifellos liegt etwas im Argen mit der Wissenschafts-PR. Das haben aber auch die Branchenvertreter/innen schon für sich erkannt und sparen in ihrem jüngst publizierten „Siggener Aufruf“ nicht mit Selbstermahnung:

„Gute Wissenschaftskommunikation arbeitet faktentreu. Sie übertreibt nicht in der Darstellung der Forschungserfolge und verharmlost oder verschweigt ihr bekannte Risiken neuer Technologien nicht. Sie macht Grenzen ihrer Aussagen sichtbar. … Sie weicht nicht für Zwecke des Institutionenmarketings oder der Imagebildung von Faktentreue und Transparenz ab.“

Weingart-Gruppe und Siggener Kreis sind also denselben Mängeln auf der Spur – aber sie nähern sich aus zwei entgegen gesetzten Richtungen. Und sie reden nicht miteinander. Als Peter Weingart bei der Präsentation des Berichts aus dem Publikum gefragt wird, warum keine einzige Person aus der Wissenschafts-PR berufen worden sei, antwortet er, die Pressestellen habe man zum Zeitpunkt der Zusammensetzung der Kommission „nicht auf dem Schirm gehabt“.

Wie aber kann man die Reparatur der Wissenschaftskommunikation verhandeln, ohne Wissenschaftskommunikatoren an Bord zu haben ? Die Antwort liegt auf der Hand: Es scheint, dass die Pressestellen der Wissenschaftseinrichtungen bei den Forscherinnen und Forschern, für die sie sich engagieren sollen, kein allzu großes Ansehen genießen. Traut man ihnen nicht zu, professionell und angemessen Wissenschaftskommunikation zu betreiben?

Folgerichtig sehen die Verfasser des Abschlussberichts in erster Linie Journalisten als verlässliche und dafür berufene Vermittler von wissenschaftlichen Nachrichten in die breite Öffentlichkeit. Im Bericht findet sich kein Wort zur chronischen Überlastung vieler Pressestellen und wie man ihr begegnen sollte. Stattdessen sorgen sich die Autoren auf vielen Seiten um die Zukunftssicherung des (Wissenschafts-)Journalismus – was zweifellos a u c h wichtig ist:

„Regierungen und politische Parteien“, „Stiftungen in Deutschland“, Verlage, Sender, Verlegerverbände, Ausbildungseinrichtungen und journalistischen Berufsverbände – ihnen allen wird unter den Zif. 6, 7 und 9 „dringend nahegelegt“, mit Geld und guten Ideen dem Qualitätsjournalismus aus der Krise zu helfen.

In Berlin nutzten die anwesenden Journalisten die Vorlage, um nach Alimentierung durch Stiftungen und öffentliche Hand zu rufen und ihrem Votum für ein (von wem zu finanzierendes?) Science Media Center Ausdruck zu verleihen. Und nach meinem Eindruck war mancher Wissenschaftler/innen-Miene anzusehen, dass man tatsächlich eher an dieser Stelle investieren würde als in Pressestellen, die ZEIT WISSEN-Autor Nils Boeing nach eigener Aussage „sowieso nicht braucht. Ich rufe direkt beim Forscher an.“

Nicht weiter erörtert wurde ein zweite Merkmal der Empfehlungen: die völlige Ausblendung des Internets und seiner rasant wachsenden Bedeutung für die Wissenschaftskommunikation. Im Buch gibt es zwar ein mehr als 50 Seiten langes Gutachten des Münchner Medienforschers Christoph Neuberger („Social Media in der Wissenschaftsöffentlichkeit“). Aber selbst dieses beurteilt in summa die informatorische Qualität im Web 2.0 als nicht gegeben, was sich in den Unterscheidungskategorien „professioneller Journalismus“ und „Laienkommentatoren“, z.B. Blogger, manifestiert.

Also eine große Chance großartig verschenkt? Auf keinen Fall!

Vielmehr ein historischer Moment, weil seit dem PUSH-Memorandum vor 15 Jahren die Diskussion um die Qualität und Zukunft von Wissenschafts-PR nicht mehr so tief und umfassend ausgeleuchtet wurde wie gegenwärtig im Siggener Kreis und in der Akademiengruppe um Peter Weingart. Jetzt gilt es die Gunst der Stunde zu nutzen und die Schnittmengen in den Befunden in einer Charta für gute Wissenschaftskommunikation zusammenzuführen.

Übereinstimmungen gibt es genug, Abweichungen müssen diskutiert werden. Dafür ist eines aber erforderlich: Dass Wissenschaftler/innen,Wissenschaftskommunikator/inen und Journalist/innen miteinander reden. Mit gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe.

Dann kann uns gemeinsam viel gelingen.

Anmerkung: Der Verfasser ist Mitorganisator eines Experten-Workshops, den die VolkswagenStiftung vom 30.6. – 1.7.14 veranstaltet; Titel: „Image statt Inhalt – Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation“ brauchen (http://www.volkswagenstiftung.de/nc/veranstaltungen/veranstdet/ttback/41/article/image-statt-inhalt-warum-wir-eine-bessere-wissenschaftskommunikation-brauchen.html ). Dieser baut auf Ergebnissen u.a. des Siggener Kreises (vertreten durch Elisabeth Hoffmann, Markus Weißkopf) und der Akademien (Reinhard Hüttl, Peter Weingart) auf und wird deren Ergebnisse diskutieren.

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