Hoodie-Journalisten rudern lachend die Galeeren

Dem Medienredakteur Harald Staun, Jg. 1970, ist in der jüngsten FAS ein veritables Kunststück gelungen. Mit nur 21 Zeilen Text, versteckt in der Gossip-Rubrik „Die lieben Kollegen“ am unteren Rand der Seite 41, verscherzte er es sich mit Deutschlands #Online-Journalisten. Und zwar gründlich.

Keinen interessierte Stefan Niggemeiers langatmige Abrechnung mit dem Live-Ticker-Unwesen auf derselben Seite. Nein, alle echauffierten sich über Stauns erstaunliche Distinktion zwischen „Internetexperten“ und „Journalisten“: Eine sorgsam formulierte Spitze gegen sz.de-Leiter Stefan Plöchinger, der in die Chefredaktion des Print-Organs einziehen soll, was einflussreiche SZ-Redakteure verhindern wollen.

Das Staunsche Kurzpamphlet löste einen Candystorm aus, der Plöchinger tief gerührt haben dürfte. In ausgelassener Sonntagslaune posteten Sympathisanten pausenlos Selfies im Kapuzenpulli, was offenbar Plöchingers bevorzugte Diensttracht ist. Der Hashtag Hoodiejournalismus war geschaffen, und die Solidarisierungswelle ebbte erst abends ab, als im Fernsehen der „Tatort“ anfing.

Aber heute ist wieder Montag. Niemand postet mehr in Wochenendlaune lustige Hoodie-Fotos. Die Onliner sind zurück auf ihren Galeeren, sitzen wieder auf ihren Ruderbänken und blicken neidisch hinauf zu den Sonnendecks, wo die Print-Redakteure Satz für Satz ihre wohlfeilen Kolumnen („Die lieben Kollegen“) ziselieren.

Man sollte die virale Erregung vom Sonntag nicht analytisch übertreiben. Aber ein Resümee sei erlaubt: Dass ausgerechnet ein Fachjournalist für den Mediensektor sich noch immer traut, die Haltung zu vertreten, Online-Journalismus sei was für Leichtmatrosen und richtiger Journalismus was für Print-Kerle – das ist schon erschütternd. Und selbst für ein konservatives Blatt wie die FAS ausgesprochen unzeitgemäß.

Nun hat man aber offenbar in der Online-Szene eingesehen, dass man dem diffusen Dünkel der Print-Oligarchen mit Argumenten nicht beikommen kann. Allen Diskussionen über die unausweichliche Medienkonvergenz zum Trotz, verteidigen trendresistente Print-Redakteure ihren Schützengraben gegen das Kapuzenpulli-Pack. Der letzte Sonntag hat bewiesen: Der Frontverlauf zwischen beiden Lagern ist intakt. Die Positionen sind zementiert. Und dieser Kulturkampf produziert nur Verlierer.

Die Print-Redakteure, die gegen die Onliner wettern, stehen selbst unter Druck und blicken mit Sorge in die Zukunft. Dass Heil und Segen im Online-Journalismus liegen sollen, glauben sie nicht. Die Erlöse sind zu dürftig. Und wenn dort tatsächlich der Journalismus von morgen produziert wird, warum engagieren sich dann nicht heute schon mehr Aushängeschilder der großen Leitmedien in ihren Internetauftritten? Warum beispielsweise schreibt Leyendecker nicht bei sz.de oder di Lorenzo bei ZEIT Online? Oder Kurt Kister bei sz.de? Warum entzweien sich die SPIEGEL-Chefredakteure in der Frage, was wichtiger ist: Print oder Internet?

Verlierer auf beiden Seiten. Die Redaktionsressourcen bleiben ungleich verteilt. Die Onliner werden in Tochtergesellschaften zweiter Klasse ausgegliedert, schlechter bezahlt, mehr gestresst. Die Verlage halten ihre Zukunftsinvestition so knapp, als glaubten sie selbst nicht an den Erfolg. Das schafft Frust. Und hält die Konflikte am Leben. Spaltung statt Einheit. Das kann doch eigentlich niemand in den Verlagen wollen, oder?

Für den FAS-Medienredakteur Harald Staun hat sich der Sonntag gelohnt. Zweistellig wuchs gestern die Zahl seiner neuen Twitter-Follower – die meisten Online-Journalisten.

Es scheint, als könnten sie es gar nicht abwarten, Stauns nächsten Keulenschlag zu empfangen.

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