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Wie schädlich ist Wissenschaftskommunikation?

Beim Workshop der VolkswagenStiftung “Image statt Inhalt? – Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation brauchen” (http://www.volkswagenstiftung.de/index.php?id=2644) haben die Kommunikationswissenschaftler Frank Marcinkowski, Münster, und Matthias Kohring, Mannheim, kürzlich mit der Wissenschaftskommunikation abgerechnet:

Es gäbe „keine funktionale Begründung für öffentliche Wissenschaftskommunikation“. Sie zu fordern, würde „keinem Wissenschaftler von selbst einfallen“. Trotzdem beteiligten sich alle wissenschaftlichen Einrichtungen an dieser „Aufmerksamkeitsindustrie“. Warum? – Um Medienpräsenz in finanzielle Förderung umzumünzen.

Zitat: „Wer (als Wissenschaftler/Anm. JR) gegen Öffentlichkeit ist, macht sich verdächtig und gilt als zurückgeblieben. Dabei bedrohe Wissenschaftskommunikation „die Autonomie und die Funktionsweise von Wissenschaft“. Man gibt „dafür viel Geld aus, bindet die Zeit von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen und demotiviert sie zusehends, verschwendet also auch noch immense Ressourcen für diese falsche Strategie“.- Mit solchen Statements, man kann es wohl nicht anders ausdrücken, schockierten die beiden Forscher regelrecht die meisten der 80 geladenen Gäste im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen in Hannover.

Dass insbesondere die anwesenden Wissenschaftskommunikatoren den Vortrag (http://www.volkswagenstiftung.de/wowk14/marcinkowski_kohring.html) der beiden scharf kritisierten, war wenig überraschend. Man würde es sich aber zu leicht machen, die Ausführungen als bloße Polemik abzutun. Deshalb will ich hier versuchen, die Argumentation nachzuzeichnen, vor allem anhand kurzer und längerer Zitate – als Auftakt für eine Diskussion im Netz über Qualitätskriterien für gute Wissenschaftskommunikation.

Die Argumentation
Für Marcinkowski und Kohring ist es „keineswegs selbsterklärend und selbstverständlich“, dass Wissenschaft sich an eine Laienöffentlichkeit wenden muss. Ob eine wissenschaftliche Aussage wahr oder falsch ist, entscheidet die Scientific Community aufgrund fachlicher Expertise. Dafür bedarf es nicht „der Zustimmung Dritter – schon gar nicht aller denkbaren Dritten“. „Wer dem skeptisch gegenüber steht, der möge sich vorübergehend einmal vorstellen, wie es wäre, in einer Welt mit öffentlicher Rechtsprechung zu leben“ – wo also Laien zu Gericht sitzen, die niemals Rechtswissenschaften studiert haben.

Wenn es also kein Indiz dafür gibt, „dass der wissenschaftliche Erkenntnisprozess dadurch befördert wird, dass möglichst viele zugucken oder im Begründungsverfahren mitreden“ – wer genau fordere dann überhaupt die Kommunikation von Wissenschaft in die breite Öffentlichkeit? Nach Ansicht von Kohring und Marcinkowski ist es, indirekt, die Politik. Früher hätten Politiker die Finanzierung des Wissenschaftssystems aus Steuermitteln mit dem Recht verknüpft, auch mitzuentscheiden, wofür diese Mittel eingesetzt werden. Aus dieser Detailsteuerung habe man sich aber angesichts der wachsenden Komplexität der Materie in den letzten eineinhalb Jahrzehnten zurückgezogen und den Wissenschaftsorganisationen mehr Autonomie bei der Budgetierung und Mittelverwendung zugestanden.
Gleichzeitig habe die Politik die Höhe der Finanzierung an Leistungsvereinbarungen geknüpft und auf diese Weise „die der Wissenschaft … wesensfremde Figur des Wettbewerbs propagiert“; „Wettbewerb wird öffentlich vorgeführt und für die Öffentlichkeit inszeniert – die prominentesten Beispiele sind die Exzellenzinitiative und die allgegenwärtigen Rankings.”

Um im Wettbewerb für finanzielle Ressourcen zu bestehen, seien die Institutionen gezwungen, „mit allen Mitteln an der eigenen Sichtbarkeit“ zu arbeiten. Das Vehikel dafür sei die Wissenschaftskommunikation. „Früher glaubte man, durch die Aufklärung der Laienbevölkerung mittels Wissen auch Akzeptanz für den Wissensproduzenten zu erzielen. Das hat zwar im Großen nie geklappt, hat aber noch einen rationalen Zug, der heutzutage fast rührend wirkt.“ Inzwischen aber diene Wissenschaftskommunikation keineswegs mehr „einer öffentlichen Kontroll- und Kritikfunktion oder gar einer Partizipation der Laienöffentlichkeit“, sondern „dem Primat der Eigenwerbung“, „der Medialisierung der wissenschaftlichen Einrichtungen“ – kurzum, sie sei eine „PR-Strategie“, mit „negativen Folgen für die Autonomie und die Funktionsweise von Wissenschaft“.

Ein längeres Zitat: „Das überzogene Streben nach Aufmerksamkeit löst sich nämlich völlig von der … Eigenlogik der Wissenschaft … – anders ausgedrückt: Wissenschaft tut nicht mehr das, wofür die Gesellschaft sie eigentlich bräuchte. Am sinnfälligsten wird das in scheinbar harmlosen und auf den ersten Blick sympathischen Forderungen, Wissenschaftler für die Wissenschaftskommunikation zu belohnen. Es gibt ja schon längst Zielvereinbarungen mit Professoren, in denen mediale Präsenz gefordert und bezahlt wird. Solche Anreize zielen darauf ab, die Wissenschaft so zu verändern, dass sie über sich selbst kommuniziert. Nicht die Wissenschaft hat dann den Primat, sondern die Kommunikation darüber.“ „Sichtbarkeit“ von Wissenschaft werde mit ihrer tatsächlichen wissenschaftlichen „Relevanz“ verwechselt. „Wir behaupten, dass eine übertrieben forcierte öffentliche Wissenschaftskommunikation – und zwar weil sie öffentlich ist – die Qualität von Wissenschaft systematisch zu verschlechtern droht.“

Schon wähle die Wissenschaft „Themen nach ihrem aktuellen Aufmerksamkeitspotenzial aus, … man produziert öffentlich darstellbare Ergebnisse oder kommuniziert nur solche Ergebnisse nach außen (man, das sind auch wissenschaftliche Zeitschriften) … – im Endeffekt werden der Wissenschaftler und sein Werk danach bewertet, ob sie an eine nicht-wissenschaftliche Öffentlichkeit vermittelbar sind.”

Wissenschaftskommunikation habe einen Mechanismus in Gang gesetzt – Kohring und Marcinkowski sprechen von „einer regelrechten Autosuggestion“ und einer „Ideologisierung des Begriffs“ – , „der sich zunehmend auf alle, auch auf die epistimischen Abläufe der Wissenschaft auswirkt und schon ausgewirkt hat, ja, der sich mehr und mehr in diese Erkenntnisprozesse der Wissenschaft hineinfrisst.“

Deshalb, so das Fazit der beiden Kommunikationswissenschaftler, könne es aus Sicht der Wissenschaft kein Ziel sein „bessere” Wissenschaftskommunikation zu fordern, sondern „diesen Mechanismus der öffentlichen Aufmerksamkeit und dessen unheilvollen Einfluss auf wissenschaftliche Erkenntnisse mit allen Mitteln außer Kraft zu setzen“.

Meine Meinung
Fassungslosigkeit war in den Gesichtern vieler deutlich abzulesen, die dem Vortrag zugehört haben. Die meisten dürften den Eindruck mitgenommen haben, die Kohring und Marcinkowski wollten die Wissenschaftskommunikation völlig abschaffen, weil sie nicht förderlich sei für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess. Laien – also auch Politikern – sei das Mitspracherecht zu verwehren, weil sie nicht über die dafür nötige fachliche Vorbildung verfügen. Einzig Wissenschaftsjournalisten akzeptieren Kohring und Marcinkowski als Instanzen, die kompetent genug sein (sollten), aus der Vielfalt von Studien jene herausfiltern, die für ihre jeweiligen Fächer tatsächlich „relevant“ seien und die diese dann einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen.

Ist das, was Marcinkowski und Kohring wollen, die Wiedererrichtung des akademischen Elfenbeinturms? Stammt ihr Bild von Wissenschaftskommunikation aus Vor-PUSH-Zeiten? Meiner Meinung nach: nur teilweise. Sie selbst beteuern am Ende ihres Vortrags, sie würden Wissenschafts-PR nicht generell für unnötig halten, aber vor einer „aus unserer Sicht fatalen Fehlorientierung von Wissenschaftskommunikation“ warnen. Und genau dies ist ein Punkt, der die Auseinandersetzung lohnt. Denn Fehlentwicklungen gibt es in der Wissenschafts-PR durchaus. Sie waren der Anlass zur Formulierung des „Siggener Aufrufs“; sie werden aufgegriffen in den „Empfehlungen“ der Akademien (http://www.acatech.de/de/publikationen/stellungnahmen/kooperationen/detail/artikel/zur-gestaltung-der-kommunikation-zwischen-wissenschaft-oeffentlichkeit-und-den-medien-empfehlungen.html) – und sie standen im Mittelpunkt des Workshops der VolkswagenStiftung.

Wer will bestreiten, dass die Aufgabe von Wissenschaftskommunikation nicht mehr nur die Vermittlung von Forschungsergebnissen an ein breites Publikum ist, sondern auch, fast möchte man sagen: „natürlich“, der Profilierung der eigenen Institution im Wettbewerb um Fördermittel dient? Die Pressestellen sind angehalten, möglichst viele Artikel in angesehenen Traditionsmedien zu initiieren, weil diese von jenen gelesen werden, die über Fördermittel entscheiden. Ihre PR-Strategien verfolgen das Ziel, größtmögliche Wahrnehmung zu erzeugen. Das hat dazu geführt, dass eher bescheidene Forschungserfolge in Pressemitteilungen sensationalisiert werden, dass nicht medienaffine Fächer in der Außendarstellung nicht vorkommen und etwa die Sichtbarkeit in Rankings als Gütesiegel für ganze Hochschulen missgedeutet werden.

Andererseits sorgen Forschungssprecherinnen und – sprecher dafür, Wissenschaft und Gesellschaft überhaupt in einen Dialog zu bringen. So verhindern sie die Konfrontation, die unvermeidlich würde, wenn die Wissenschaft sich dem Wunsch verweigert, ihr Forschungshandeln in der Öffentlichkeit darzustellen, über Mittelverwendung transparent zu berichten und offen zu sein für die Fragen und Sorgen der interessierten Laien. Wissenschaft ist auch Dienst an und für die Gemeinschaft!

Es wäre also nicht nur völlig unzeitgemäß, sondern auch töricht, der Wissenschaftskommunikation ihre Existenzberechtigung bestreiten zu wollen. Aber auch 15 Jahre nach PUSH scheint es große Unsicherheiten zu geben – dafür scheint mir der Vortrag wieder ein Indiz zu sein -, wie die Rollenverteilung zwischen Kommunikation und Forschern aussieht, wer welche Aufgaben zu übernehmen hat und welchen Anforderungen zu genügen. Es fehlt ein „Code of Conduct“.

Und wir Wissenschaftskommunikatoren müssen uns fragen, ob die Qualitätsstandards, die einzuhalten wir dauernd vorgeben, in der Praxis tatsächlich eingehalten werden? Generell gefragt: Wer definiert überhaupt, was qualitätsvolle Wissenschaftskommunikation ausmacht und wo sind diese Richtlinien niedergelegt?

Die Frage ist rhetorisch, denn die Antwort kennen wir alle: Es gibt den einen Kriterienkatalog für gute Wissenschaftskommunikation nicht. Auch nicht nach dem Workshop der VolkswagenStiftung, der sich eigentlich zum Ziel gesetzt hatte, Bausteine für eine „Charta guter Wissenschaftskommunikation“ zu erarbeiten, wie sie bereits der Siggener Kreis angeregt hatte.

Stattdessen hat der Workshop ein anderes (Teil-)Ergebnis erbracht, das im Moment vielleicht noch viel wichtiger ist: Kommunikatoren und Wissenschaftler haben dort angefangen, einen Dialog auf Augenhöhe zu führen. Die Kommunikatoren haben eingestanden, dass sie nur ein vages Bild von den Standards in der eigenen Branche haben (Personalstärke, fachspezifische Ausbildung, Professionalisierungsgrad, Verortung und Kompetenzen innerhalb einer Organisation etc.), und Wissenschaftler bemängelten, dass nicht einmal Grundzüge der Wissenschaftskommunikation jemals Teil ihrer Ausbildung gewesen seien. Zudem seien die Rahmenbedingungen so, dass öffentlichkeitswirksames Engagement weder belohnt würde noch der Karriere diene, eher im Gegenteil: Medienpräsenz könne innerhalb einer Fachcommunity sogar ins Abseits führen.

Vielleicht war dies auch eine indirekte Reaktion auf den Vortrag von Kohring und Marcinkowski: Dass die Kommunikatoren und Wissenschaftler sich im Workshop motiviert fühlten, Zäune einzureißen, die der gegenseitigen Annäherung bislang im Weg gestanden haben. Das Angebot an den Bundesverband Hochschulkommunikation, an der nächste Studie der Akademien mitzuwirken (#wök) und sich dort besonders im Bereich „Web 2.0“ einzubringen, war ein weiteres Ergebnis dieser Annäherung. Allerdings ist der Weg, der in Hannover eingeschlagen wurde, noch weit. Sehr weit sogar.

Links:
Die Dokumentatzion des Workshops “Image statt Inhalt – Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation brauchen” (#wowk14) : http://www.acatech.de/de/publikationen/stellungnahmen/kooperationen/detail/artikel/zur-gestaltung-der-kommunikation-zwischen-wissenschaft-oeffentlichkeit-und-den-medien-empfehlungen.html

Linkliste von Marcus Anhäuser mit Beiträgen zu #wowk14, Akademienpapier, Siggener Kreis: http://scienceblogs.de/plazeboalarm/index.php/empfehlungen-fuer-eine-besser-wissenschafts-pr-allerorten/

„Print und Online! Macht endlich gemeinsame Sache!“

Beim SPIEGEL brennt die (luxuriöse) Hütte, und wieder einmal ist die Rivalität zwischen Print- und Online-Redaktion ein Teil des Problems. Als Branchenveteran erinnere mich meiner eigenen frühesten Vorstöße in das Berufsfeld des Onlinejournalismus vor 15 Jahren und stelle so erstaunt wie schmerzhaft fest, dass augenscheinlich noch immer in keinem deutschen Großverlag zusammenwächst, was zusammengehören sollte. Print-Redakteure und Onliner betreiben Stellungskrieg statt Annäherung, verfechten eigene Positionen auf sehr, sehr hohen Rössern – und verspielen auf diese Weise die letzte Chance, mit vereinten Kräften dem überregionalen Qualitätsjournalismus eine Zukunft zu sichern.

Online hat sich entwickelt, die Vorurteile sind geblieben

So ist die Erinnerung an das ferne Jahr 2000, als ich aus der GEO-Print-Redaktion zum Online-Ableger wechselte, gleichsam ein Déjà-vu. Bis dahin wurde die Homepage von einem einzigen hauptberuflichen Producer verwaltet.  Ihm zugeordnet war, wie es sich für einen hierarchisch organisierten Großverlag gehört, ein hauptberuflicher Vorgesetzter. Dessen Hauptaufgabe war es, einmal pro Monat beim Print-CvD um Content-Nachschub in Form einer Heftreportage zu bitten. Die kam irgendwann als Word-Datei auf einer Diskette und wurde dann auf sechs, sieben HTML-Seiten bei GEO-Online publiziert. Mit datenschweren Fotos war man wegen der 56k-Telefonmodems damals noch zurückhaltend.

Oben und unten in der Verlagshierarchie

Aus heutiger Sicht kann man es Printjournalisten nicht verübeln, dass sie angesichts dieser frühen Evolutionsschritte das neue Medium nicht ernst nahmen. Und deren Werktätige auch nicht. Onlinejournalismus hatte von Anfang an das Image eines Paria-Jobs. Die Hysterie während der „Dotcom-Blase“ verunsicherte zwar kurzfristig, weil sich gleichsam über Nacht auch bei meinem damaligen Arbeitgeber Gruner + Jahr eine Zukunft nur noch im Digitalen vorstellen ließ. Doch nachdem die Kurs-Raketen an den Börsen verglüht waren und der Vorstand nur mühsam verbergen konnte, welche irrwitzigen Summen er fehlinvestiert hatte,  da war aus Sicht der Traditionalisten die gottgegebene Hierarchie wiederhergestellt: oben war Print, unten Online. Experiment beendet.

Wie vereint man das Beste zweier Welten?

All dessen war ich mir bewusst, als ich 2000 trotzdem das Angebot des Chefredakteurs annahm, das Printressort zu verlassen, um GEO.de auf- und auszubauen.  Von Anfang an hatte ich mich in dieser Rolle als leibhaftiges „Cross-Medium“ zwischen Print- und Online-Kollegien begriffen. Ich wollte das Beste zweier Welten in einem zukunftsfähigen Produkt synthetisieren und beharrlich für ein konstruktives Miteinander werben.

Mission Impossible?

Als ich Jahre später GEO.de verließ, hatte ich mit der Unterstützung enthusiastischer Kolleginnen und Kollegen viel erreicht – nur nicht die nachhaltige Annäherung von (riesiger) Print- und (kleiner) Online-Redaktion. Und ich behaupte – auch wenn auf Branchentagungen unermüdlich das Gegenteil behauptet wird -, dass diese Annäherung bis heute keiner Chefredaktion eines deutschen Großverlages gelungen ist; das offene Zerwürfnis beim SPIEGEL ist ein aktueller Beleg.

Steigt von euren hohen Rössern!

Ich frage mich: Wie lange will sich die Zunft den Luxus der gegenseitigen Ignoranz noch leisten? Allerdings frage ich mich auch, ob sich die chronische Verspannung überhaupt noch lösen lässt? Es scheint, als hätte sich das Gros der Beteiligten mit seinen Ressentiments gemütlich eingerichtet und würde diese beharrlich pflegen.  Wer bereits im Internet beruflich unterwegs ist, behandelt zögerliche Skeptiker im Print-Reich wie Idioten. Und die Print-Journalisten der überregionalen Tageszeitungen und Magazine reklamieren weiterhin für sich, „echten“ Journalismus zu betreiben, während man die Onliner als Leichtmatrosen behandelt.

Start ups machen vor, wie es besser sein könnte

Dass sich in 15 Jahren so wenig geändert hat im Mit- und Gegeneinander beider Gruppen stimmt mich für die Zukunft deshalb wenig optimistisch. Zumindest für die Zukunft des Journalismus in den Großverlagen. Denn in den Start-ups, die (junge) Journalisten derzeit so zahlreich gründen wie nie zuvor, gewiss zum Teil auch notgedrungen, ist das Blockdenken überwunden. Wer alles daran setzt – setzen muss! – ein Publikum dauerhaft zu begeistern und zu binden, denkt von vornherein crossmedial.

Macht Geld träge?

Vielleicht ist der Kulturkampf zwischen Print- und Online ja auch bloß wieder eine Frage des Geldes. Auch beim SPIEGEL. Denn offenbar gibt es eine enge Relation zwischen festem Monatseinkommen und persönlicher Innovationsfähigkeit. So lange das Konto zu jedem Ersten verlässlich gefüllt ist, lahmt der Wille zum Wandel. Ist das Geld aber gefährdet ist man plötzlich zu vielem fähig. Vielleicht ja auch zur Kooperation mit jenen, die man vorher noch als Gegner betrachtet hat?

So gesehen könnte die Medienkrise am Ende vielleicht doch noch eine gemeinsame Anstrengung von Print und Online auslösen. Für die Zukunftssicherung des „großen“ Qualitätsjournalismus ist es die letzte Chance.

Weiterer Blogbeitrag von mir zu diesem Themenfeld:

Warum Großverlage keine Innovation können

http://www.carta.info/71201/warum-grosverlage-keine-innovationen-konnen/

Sollen sich Stiftungen um den Journalismus sorgen?

Wenn es um stiftungsfinanzierten Journalismus geht, hat die Medienbranche eine merkwürdig widersprüchliche Haltung. Da wird zum Beispiel Pro Publica (http://www.propublica.org), die Internet-Plattform für investigativen Journalismus, seit Jahren dafür gepriesen, dass die Amerikaner vormachten, wie „guter“ Journalismus vielleicht doch noch eine Zukunft haben könnte. Doch dass Pro Publica aus Stiftungsmitteln finanziert wird, dass der Guardian trotz Wikileaks und Snowden pleite wäre ohne Stiftungsgelder – das wird selten thematisiert. Denn die deutsche Medienbranche scheut Stiftungsmodelle wie der Teufel das Weihwasser. Warum?

Regionalzeitungen im Ausverkauf
Die Antwort ist vielschichtig. Zunächst einmal begünstigt die Krise die Monopolisierung im Bereich der Regionalblätter. Anders als die häufig noch in Familienbesitz befindlichen Provinzverlage verdienen die Printriesen nach wie vor gutes Geld, mit Umsatzrenditen zwischen 10 und 20 Prozent. Weil den kleinen Wettbewerbern aber das Wasser bis zum Hals steht, können die Großen sie billig vom Markt kaufen. Dass sie sich Interventionen von Dritten, etwa zugunsten des Lokaljournalismus, streng verbitten, liegt deshalb auf der Hand. Es würde ihr Geschäft vermasseln.

Eine Medienstiftung in NRW
Viele Journalisten wiederum lehnen die Stiftungsfinanzierung ab, weil sie Verhältnisse wie in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten fürchten. Also politische Einflussnahme auf Themen und Personal. Deshalb verwundert es nicht, dass die jüngst vom Düsseldorfer Landtag durchgewunkene Medienstiftung „Partizipation und Vielfalt“ (http://www.landesmediengesetz.nrw.de/node/11450), eine vom Staatssekretär Marc Jan Eumann (SPD) (http://www.eumann.de) seit Jahren verfolgte Idee, von Verlagslenkern wie Journalisten gleichermaßen abgelehnt wird. Hier sieht man gar die Pressefreiheit attackiert, weil man der NRW-Regierung zutraut, via Stiftungsschecks die Redaktionen zu infiltrieren.

Bedrohen Drittmittelgeber die Pressefreiheit?
Angesichts eines Etats von gerade mal 1,2 Mio. Euro wirkt der Verdacht arg überzogen. Pessimisten sehen allerdings einen Sündenfall, der in den nächsten Jahren durch höhere Budgets wirkungsmächtiger werden könnte. Aber auch das erscheint unrealistisch: Selbst bei großzügiger Unterstützung könnte der Dritte Sektor, also der Stiftungsbereich, weniger als ein Prozent des hiesigen Medienumsatzes finanzieren. Das reicht nicht aus, die Pressefreiheit zu untergraben. Aber auch nicht, den Qualitätsjournalismus in Deutschland zu retten.

Ein schleppender Rettungsversuch
Wichtiger als die Quantität ist deshalb die Qualität journalistischer Förderprojekte. Bei der NRW-Stiftung „Partizipation und Vielfalt“ steht freilich zu befürchten, dass dort der Amtsschimmel müde durch die Flure schlurfen wird. Verwalten soll die Stiftung nämlich die Landesmedienanstalt. Die wiederum stellt gerade erst ein Aufsichtsgremium zusammen, in dem die unvermeidlichen gesellschaftlichen Gruppen paritätisch repräsentiert sein sollen. Erst danach will man sich eine Satzung geben, die auch festlegt, was die Stiftung Gutes tun soll. – Ein entschlossenes Einsatzkommando zur Rettung der Medienvielfalt sieht anders aus…

Deutsches Pro Publica gegründet
Mehr Aufmerksamkeit sollte man deshalb correct!v (https://www.correctiv.org) schenken, dem „ersten gemeinnützigen Recherchebüro im deutschsprachigen Raum“. Die Stiftung der Verlegerfamilie Brost hat dafür drei Millionen Euro gegeben. Warf man den “Krautreportern“ Großspurigkeit bei der Formulierung ihrer Mission vor („Der Online-Journalismus ist kaputt. Wir kriegen das wieder hin“), so mangelt es auch den Correct!v-Gründern um David Schraven und Daniel Drepper (http://www.danieldrepper.de) nicht an Selbst- und Sendungsbewusstsein. Nur haben sie tatsächlich ein reflektiertes Konzept. Es beinhaltet neben journalistischer Leistung „auch ein Bildungsprogramm, um die Methoden des aufklärenden Journalismus weiterzugeben“. Das correct!v-Team hat keine Angst vor Stiftungsgeld und legt auf seiner Homepage dar, wie man Einflussnahme auf die Berichterstattung verhindern will. Dass Pro Publica Pate stand, ist unübersehbar. Und ein gutes Zeichen, wie ich finde.

Stiftungen wollen nicht per se fördern
Nun endet dieser Beitrag mit einer unerwarteten Pointe: Dass sich Verlagslobbyisten und meinungsstarke Journalisten leidenschaftlich gegen stiftungsfinanzierten Journalismus wehren, ist eigentlich unnötig. Denn die weitaus meisten der mehr als 20 000 deutschen Stiftungen denken gar nicht daran, Journalismus zu fördern!

Nur eine Marktbereinigung?
In der Bewertung der Lage unterscheiden sie sich oft kaum vom Otto Normalleser: Der Mediensektor müsse sich eben veränderten Märkten anpassen, wie zuvor schon andere Branchen. Am Ende würden immer noch ein paar Titel übrigbleiben, die Qualitätsjournalismus produzieren. Den Rest liefert „das Internet“.

Journalisten taugen nicht als Lobbyisten in eigener Sache
Die schätzungsweise hundertfünfzig Journalisten, die jährlich von Stiftungen mit gut dotierten Preisen dekoriert werden, täten gut daran, in ihren Dankesreden das Publikum aufzuklären, dass Qualitätsjournalismus ein buchstäblich kostbares Gut ist. Dessen Herstellung und Vertrieb Geld kostet. Dessen Funktion als „Vierte Gewalt“ in der demokratisch verfassten Gesellschaft unersetzbar ist. Und dass das regelmäßige Erscheinen von Spiegel und Zeit nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass Regionalzeitungen als Kontrollinstrument „der Mächtigen“ kaum noch Biss haben. Aber das tun sie nicht.

Die Krise interessiert nur wenige – außer Journalisten
In ihren leidenschaftlich selbstreferentiellen Diskussionen übersehen Journalisten, dass „die Krise“ außerhalb der Medien-Blase überhaupt kein Thema ist. Auch deshalb wächst die Zahl der Stiftungen nur zögerlich, die den Erhalt des kritischen Journalismus als gesellschaftliche Herausforderung begreifen – und deshalb als eine mögliche Aufgabe für Stiftungen.

Stiftungen sollten eine gemeinsame Haltung entwickeln
(Finanzielle) Wunder sind von ihnen nicht zu erwarten! Stiftungen sind naturgemäß keine Venture-Kapitalisten. Sie sind mit ihrer finanziellen Förderung individuellen Satzungszielen unterworfen. Trotzdem scheint es mir an der Zeit, dass sie als Repräsentanten der Zivilgesellschaft sich mit der Zukunft des kritischen Journalismus befassen. Nicht um erodierende Geschäftsfelder zu subventionieren. Sondern um die Zukunft einer Gesellschaft zu sichern, die auf eine funktionierende Vierte Gewalt angewiesen ist.

Und da können auch gute Ideen manchmal mehr bewirken als Geld.

Wozu gibt es eigentlich STERN.de?

Stefan Niggemeier nannte stern.de schon im Mai 2011 „eine Attrappe“: „Es ist der Versuch, mit überwiegend eingekauftem Allerweltsmaterial durch geschickte Verpackung ein eigenständiges Medium zu simulieren. Relevanz ist dabei verzichtbar, solange die Reichweite stimmt.“ (
http://www.stefan-niggemeier.de/blog/11187/stern-de-anatomie-einer-attrappe/)

Seit Niggemeiers Befund hat sich nichts gebessert. Journalistische Qualität ist nach wie vor abwesend. Trotzdem ist die Reichweite kräftig gestiegen. „Stern.de greift Spiegel Online an“, titelte kürzlich meedia.de und bezog sich damit aber bloß auf die Reichweite beider Dienste bei Twitter. Denn wie absurd wäre es, wenn man stern.de und Spiegel Online anhand journalistischer Kriterien vergleichen wollte?

Tatsächlich scheint man bei stern.de Inhalte vor allem auf ihre Funktion als Impulsauslöser für Klicks zu reduzieren. Die kunterbunten Meldungen werden nach allen Regeln der Kunst suchmaschinenoptimiert und erfolgreich im Social Web gestreut. Das treibt in summa die Abrufzahlen hoch und freut die Vermarkter. Wer sich allerdings mit dem Inhalte-Konfetti nicht zufriedengibt und mal die Startseite von stern.de aufruft, dem offenbart sich in schonungsloser Härte, wie Reichweitenoptimierung eine Medienseite bis zur Unkenntlichkeit ruiniert.

Greifen wir mal eine Schlagzeile vom heutigen frühen Nachmittag heraus. „Tötet Deutschland bald per Joystick?“ heißt es über einer Topmeldung mit Drohnen-Foto in der Bühne. Welche Information birgt diese Überschrift? Keine. Im Stil der vereinnahmenden und emotionalisierenden BILD-Titelei zielt die Schlagzeile einzig auf Effekt und Klick. (http://www.stern.de/politik/deutschland/drohnen-debatte-toetet-deutschland-bald-per-joystick-2121109.html) Wie Journalisten titeln würden, macht z.B. tagesschau.de vor: „Von der Leyen setzt auf bewaffnungsfähige Drohnen“. Liest sich langweilig, ist dafür aber informativ und sachlich angemessen.

Dass sich der stern.de-Autor seinen ganzen Artikel eigentlich auch hätte sparen können, gibt er im Schlusssatz indirekt selbst zu. Sein Resümee: „Auch wenn von der Leyen sich jetzt hinter die Bundeswehr gestellt hat, bis zur Deutschen Kampfdrohne ist es noch ein weiter Weg.“ Warum dann diese dramatisierende Schlagzeile, überhaupt dieser ganze Text? Ganz einfach: weil beides Klicks bringt und ein, zwei Stunden Präsenz in der Trefferliste bei Google.

Bezeichnenderweise kommen Politikthemen in der Regel ohnehin bei stern.de kaum vor. Im Rampenlicht des oberen Startseitenbereiches finden wir: „Frau bringt Tochter in Fußgängerzone zur Welt“, „Polizei nimmt nackten Mann fest und findet Toten“, „In Japan eröffnet erstes Altersheim für Hunde“. Weiter geht es im „Frisurentutorial“ mit der Video-Folge „Der einfache Weg zum Fischgrätenzopf“ mit „Beauty-Redakteurin Jana“ (die vermutlich eine Kunstfigur des Dienstleisters ist, weil zumindest im Impressum von stern.de keine Redakteurin namens Jana auftaucht.)

Da auch Umfragen gern geklickt werden, teasert stern.de zwei Stück an: Ob Peter Hartz die Jugendarbeitslosigkeit besiegen kann – „nein“ -, und welches WM-Moderatorenduo überzeugender ist: „Opdenhövel und Scholl beliebter als Welke und Kahn“. Abgesehen von dem kuriosen Umstand, dass der Titel die Pointe schon vorwegnimmt, führt der Teaser auch gar nicht zum Umfrage-Ergebnis, sondern zum Cover des morgigen STERN-Heftes, das man kaufen muss, wenn man das Umfrage-Ergebnis sehen will. Gibt es überzeugendere Argumente, damit ein Internetnutzer zum nächstgelegenen Kiosk rennt, um den STERN zu kaufen?

Wer mir bis hierhin gefolgt ist, hat inzwischen vielleicht schon ergoogelt, dass ich zuletzt im März als Gastautor für Focus Online geschrieben habe und mag mir deshalb schadenfroh entgegenhalten, dass ich also gleichsam in einem Glashaus mit etlichen Sprüngen sitze. Solchen sei entgegnet, dass ich, erstens, nicht für die Inhalte von Focus Online verantwortlich bin. Und, zweitens, meine Leidenschaft für diese Philippika einzig und allein aus dem biografischen Umstand beziehe, dass es mir als Ex-G+J-Mann die Tränen in die Augen treibt, wenn ich sehe, wie die Flaggschiff-Marke des Konzerns im Netz da steht.

Wo die Kollegen beim gedruckten STERN Inhalte aus eigenen Recherchen erzeugen, hängt der Newsfeed der Online-Kollegen offenbar noch immer von Agenturmeldungen ab. Ergänzend wird es wohl ihr Los sein, pausenlos Knotenpunkte im Web nach Inspiration und kostenlosen Inhalten zu scannen. Von Youtube kommt heute z.B. der „emotionale Clip“: „Die Liebeserklärung einer Mutter an ihr blindes Baby“; das formattypische Katzenfoto zum Katzenartikel ist mit „privat“ gekennzeichnet; von Buzzfeed hat man die Foto-Story einer jungen Hobby-Jägerin entlehnt, die Beute-Fotos bei Facebook ausstellt.

Ist es nötig, auch noch die Verquickung von Werbung und Redaktion zu beanstanden? Nun gut, aber nur ein paar flinke Beispiele: In der Rubrik „Leute von heute“ posiert das Model Gisele Bündchen auf einem Quartett von vier Motiven, von denen jedes einzelne mit dem Schriftzug des französischen Modehauses Balenciaga überdruckt ist wie mit einem Wasserzeichen. (http://www.stern.de/lifestyle/leute/leute-von-heute-gisele-buendchen-verbluefft-mit-maskulinem-look-2008259.html)
Bündchen ist das erste von 72 Motiven in einer Foto-Klickstrecke. Das auf sie folgende Bild zeigt zweimal David Beckham in der „Unterwäsche-Kollektion für H&M. Neben Boxershorts im 3er Pack gibt es bequeme Sweater, Shorts und Pyjamahosen“ (Zitat aus der redaktionellen Bildunterschrift).

Die „Fußball-WM 2014“ wird von der Deutschen Post präsentiert, das „Extra Erfolgsmenschen“ von BOSS, das „Extra Wohnen“ von Samsung, in Grill-Videos wird Zuschauern visuell der Schluss nahegelegt, Geräte der Firma Weber zu benutzen, und die „Partnerbörse für Alleinerziehende“ ist ein redaktionelles Produkt von „stern.de & AOK“.

Liebe Leute von stern.de,
ich bin sicher, ihr würdet euren Dienst anders machen, wenn man euch ließe. Es kann euch doch nicht ungerührt lassen, dass Spiegel Online, Zeit Online, Süddeutsche und alle anderen Großen ihre Nischen gefunden haben und konsequent ausbauen, während ihr als Kuriositätenkabinett durchs Netz irrlichtert. Denn angesichts dieses Allerwelts-Klimbim frage mich ernsthaft, was fehlen würde, wenn es stern.de morgen nicht mehr gäbe?

Druckt dieses Pamphlet aus, legt es euren Verlagsleitern auf den Tisch und sagt ihnen, dass es da draußen Leute gibt, die sich vom STERN ein journalistisches Format mit eigenem Gesicht im Internet wünschen. Sagt es ihnen heute noch! Und dann fangt an.

Vor euch liegt ein weiter, weiter Weg. Auf dem begleiten euch meine besten Wünsche.

Offenlegung: Der Autor war bis 2010 Redakteur bei G+J, ist seither Stiftungssprecher und schreibt gelegentlich bei Focus Online als Gastautor über Hochschulpolitik und Wissenschaftskommunikation.

Redet miteinander! Über Wissenschaftskommunikation

Erstens: Die Pressestellen der Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen haben ein veritables Akzeptanzproblem. Zweitens: Das Web 2.0 ist kein Ort für die seriöse Auseinandersetzung mit Wissenschaft.

Dies sind für mich zwei Erkenntnisse aus dem Abschlussbericht, den eine Kommission unter Leitung des renommierten Soziologen Peter Weingart gestern in Berlin vorgestellt hat (#woem). Schätzungsweise 80 Gäste – zur Hälfte Wissenschaftskommunikatoren, die andere Hälfte Wissenschaftler/innen und Journalist/innen – waren der Einladung von acatech, Leopoldina und Union der deutschen Akademien der Wissenschaften gefolgt. Dieses Bündnis war es auch, das vor zweidreiviertel Jahren den Beschluss fasste, die „Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien“ untersuchen zu lassen. Der Kommission gehörten acht Professoren an sowie zwei Journalisten, darunter die einzige Frau (Heidi Blattmann).

Vorgelegt wurden nun eine schlanke DinA4-Broschüre (30 Seiten) mit 13 „Empfehlungen vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen“ und, was bislang unzureichend bekannt ist, ein kapitaler Paperback (425 Seiten) mit Überblickstexten und ausführlichen Einzelgutachten, etwa über „die Rolle sichtbarer Wissenschaftler in der Wissenschaftskommunikation“ und „die Zukunft der Finanzierung des Qualitätsjournalismus“. (Download der Empfehlungen: http://www.acatech.de/de/publikationen/publikationssuche/detail/artikel/zur-gestaltung-der-kommunikation-zwischen-wissenschaft-oeffentlichkeit-und-den-medien-empfehlungen.html; Buch: http://www.amazon.de/Wissen-Nachricht-Kommunikation-Wissenschaft-%C3%96ffentlichkeit/dp/3942393808)

Anlass des Unternehmens war das Unbehagen auf Seiten der Akademien, dass Wissenschafts-PR unter dem Eindruck des Eigenmarketings immer öfter übers Ziel hinausschießen würde. Deshalb fordert die Kommission nun gleich unter Ziffer 1 ihrer Empfehlungen von den „Leitungsebenen aller wissenschaftlichen Einrichtungen“, man möge „mit Journalisten ethische Grundsätze und Qualitätskriterien zur Kommunikation ihrer Forschungsergebnisse“ entwickeln. Sogar die Schaffung eines eigenen Qualitätslabels „für vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation zur Auszeichnung institutioneller Pressearbeit“ wird vorgeschlagen (Zif.2). „Beschwerden über unfaire und fahrlässige Berichterstattung“ sollen einem noch zu etablierenden „Wissenschaftspresserat“ vorgelegt werden (Zif. 10).

Liest man die „Empfehlungen“ ohne die weit ausholenden Erläuterungstexte, fragt man sich bange: Wie schlimm ist es um die Wissenschafts-PR in Deutschland bestellt? Gelten heute neue Spielregeln, also Manipulation statt Information? Übertreibung statt Wahrheit? Institutionenmarketing statt Werbung zum Wohl der Wissenschaft? Und sind einzig Kommunikationsforscher und Journalisten kompetent, mit Leitfäden und Qualitätsstandards die entfesselte Hydra zu bändigen?

Zweifellos liegt etwas im Argen mit der Wissenschafts-PR. Das haben aber auch die Branchenvertreter/innen schon für sich erkannt und sparen in ihrem jüngst publizierten „Siggener Aufruf“ nicht mit Selbstermahnung:

„Gute Wissenschaftskommunikation arbeitet faktentreu. Sie übertreibt nicht in der Darstellung der Forschungserfolge und verharmlost oder verschweigt ihr bekannte Risiken neuer Technologien nicht. Sie macht Grenzen ihrer Aussagen sichtbar. … Sie weicht nicht für Zwecke des Institutionenmarketings oder der Imagebildung von Faktentreue und Transparenz ab.“

Weingart-Gruppe und Siggener Kreis sind also denselben Mängeln auf der Spur – aber sie nähern sich aus zwei entgegen gesetzten Richtungen. Und sie reden nicht miteinander. Als Peter Weingart bei der Präsentation des Berichts aus dem Publikum gefragt wird, warum keine einzige Person aus der Wissenschafts-PR berufen worden sei, antwortet er, die Pressestellen habe man zum Zeitpunkt der Zusammensetzung der Kommission „nicht auf dem Schirm gehabt“.

Wie aber kann man die Reparatur der Wissenschaftskommunikation verhandeln, ohne Wissenschaftskommunikatoren an Bord zu haben ? Die Antwort liegt auf der Hand: Es scheint, dass die Pressestellen der Wissenschaftseinrichtungen bei den Forscherinnen und Forschern, für die sie sich engagieren sollen, kein allzu großes Ansehen genießen. Traut man ihnen nicht zu, professionell und angemessen Wissenschaftskommunikation zu betreiben?

Folgerichtig sehen die Verfasser des Abschlussberichts in erster Linie Journalisten als verlässliche und dafür berufene Vermittler von wissenschaftlichen Nachrichten in die breite Öffentlichkeit. Im Bericht findet sich kein Wort zur chronischen Überlastung vieler Pressestellen und wie man ihr begegnen sollte. Stattdessen sorgen sich die Autoren auf vielen Seiten um die Zukunftssicherung des (Wissenschafts-)Journalismus – was zweifellos a u c h wichtig ist:

„Regierungen und politische Parteien“, „Stiftungen in Deutschland“, Verlage, Sender, Verlegerverbände, Ausbildungseinrichtungen und journalistischen Berufsverbände – ihnen allen wird unter den Zif. 6, 7 und 9 „dringend nahegelegt“, mit Geld und guten Ideen dem Qualitätsjournalismus aus der Krise zu helfen.

In Berlin nutzten die anwesenden Journalisten die Vorlage, um nach Alimentierung durch Stiftungen und öffentliche Hand zu rufen und ihrem Votum für ein (von wem zu finanzierendes?) Science Media Center Ausdruck zu verleihen. Und nach meinem Eindruck war mancher Wissenschaftler/innen-Miene anzusehen, dass man tatsächlich eher an dieser Stelle investieren würde als in Pressestellen, die ZEIT WISSEN-Autor Nils Boeing nach eigener Aussage „sowieso nicht braucht. Ich rufe direkt beim Forscher an.“

Nicht weiter erörtert wurde ein zweite Merkmal der Empfehlungen: die völlige Ausblendung des Internets und seiner rasant wachsenden Bedeutung für die Wissenschaftskommunikation. Im Buch gibt es zwar ein mehr als 50 Seiten langes Gutachten des Münchner Medienforschers Christoph Neuberger („Social Media in der Wissenschaftsöffentlichkeit“). Aber selbst dieses beurteilt in summa die informatorische Qualität im Web 2.0 als nicht gegeben, was sich in den Unterscheidungskategorien „professioneller Journalismus“ und „Laienkommentatoren“, z.B. Blogger, manifestiert.

Also eine große Chance großartig verschenkt? Auf keinen Fall!

Vielmehr ein historischer Moment, weil seit dem PUSH-Memorandum vor 15 Jahren die Diskussion um die Qualität und Zukunft von Wissenschafts-PR nicht mehr so tief und umfassend ausgeleuchtet wurde wie gegenwärtig im Siggener Kreis und in der Akademiengruppe um Peter Weingart. Jetzt gilt es die Gunst der Stunde zu nutzen und die Schnittmengen in den Befunden in einer Charta für gute Wissenschaftskommunikation zusammenzuführen.

Übereinstimmungen gibt es genug, Abweichungen müssen diskutiert werden. Dafür ist eines aber erforderlich: Dass Wissenschaftler/innen,Wissenschaftskommunikator/inen und Journalist/innen miteinander reden. Mit gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe.

Dann kann uns gemeinsam viel gelingen.

Anmerkung: Der Verfasser ist Mitorganisator eines Experten-Workshops, den die VolkswagenStiftung vom 30.6. – 1.7.14 veranstaltet; Titel: „Image statt Inhalt – Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation“ brauchen (http://www.volkswagenstiftung.de/nc/veranstaltungen/veranstdet/ttback/41/article/image-statt-inhalt-warum-wir-eine-bessere-wissenschaftskommunikation-brauchen.html ). Dieser baut auf Ergebnissen u.a. des Siggener Kreises (vertreten durch Elisabeth Hoffmann, Markus Weißkopf) und der Akademien (Reinhard Hüttl, Peter Weingart) auf und wird deren Ergebnisse diskutieren.

Welche Wissenschaftskommunikation der Siggener Kreis will

Die professionellen Vermittler von Wissenschaft, in erster Linie also die Pressestellen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen, haben es nicht leicht. Ihre Pressemitteilungen werden nicht gedruckt, weil es in den Redaktionen kaum noch Wissenschaftsjournalisten gibt, vor allem in den Regionalmedien. Ihr Terminkalender quillt über, weil die eigene Institutsleitung dauernd nach der Konkurrenz schielt und gern auch einen Science Slam, eine Lange Nacht der Wissenschaft, eine Kinder-Uni oder Multimedia haben will.

Die Kommunikatoren stellen sich notgedrungen den Herausforderungen sozialer Netzwerke, damit der Kontakt zu Studierenden und jungen Nachwuchswissenschaftlern nicht völlig abreißt. Aber am Jahresende ist die Pressestelle dann trotzdem Mitschuld daran, wenn zu wenig Drittmittel eingeworben wurden. Denn auch das soll Wissenschaftskommunikation heute leisten: Die Innovationskraft des eigenen Forschungshauses so überhöhen, dass die Gelder aus der Politik, der Wirtschaft und Wissenschaftsförderung munter sprudeln. Getreu dem Motto: Nur wer laut schreit, wird auch gehört.

Seit dem PUSH-Memorandum vor 15 Jahren ist zweifellos viel passiert in der Vermittlung von Wissenschaft. Aber ist die Wissenschaftskommunikation seither besser geworden?
Für kritische Selbstreflexion ließ der pralle Eventkalender der Branche bislang wenig Zeit. Hinter den Kulissen aber brodelt es schon lange. Wissenschaftler zeigen sich zusehends verunsichert in der Frage, ob, wieviel und welche Form von Wissenschaftskommunikation die Institutsleitungen und Förderer von ihnen erwarten? Und die verantwortungsbewussten unter den Kommunikatoren beschleicht zunehmend das schale Gefühl, ob sie recht daran tun, jede zweite Wissenschaftsmeldung mit Superlativen zu dekorieren oder gar als Durchbruch zu verbrämen?

Inzwischen greift mehr Grübeln um sich. Schon vor zwei Jahren haben acatech, Leopoldina und Berlin-Brandenburgische Akademie eine Arbeitsgruppe um den prominenten Soziologen Peter Weingart eingesetzt. Deren Aufgabe: Das „Verhältnis zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien“ auszuloten. Am 17. Juni 2014 wird der Abschlussbericht in Berlin präsentiert.

Und im Sommer 2013 traf sich der Siggener Kreis: gut zwei Dutzend kompetente Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaftsinstitutionen, Pressestellen, aus Wirtschaft, Politik und Journalismus. Kürzlich gab es ein Folgetreffen auf dem ostholsteinischen Gut. Heute publizierte der Kreis unter dem Label „Siggener Aufruf“ zwei Papiere: „Wissenschaftskommunikation gestalten“ und „Leitlinien für gute Wissenschaftskommunikation“.

Soviel vorneweg: ein Barrikadensturm wird hier nicht angezettelt. Statt entschlossener Forderungen (an wen auch?) wird ein erhabenes Wunschbild von Wissenschaftskommunikation entworfen. Genau dies ist aus meiner Sicht der Makel dieser verdienstvollen Initiative: Der sogenannte Siggener Aufruf dürfte es vor allem deshalb schwer haben, sich Gehör zu verschaffen, weil er niemanden zum Widerspruch herausfordert!

Denn wer wollte dagegen halten, wenn die Autorinnen und Autoren ihr Idealbild von aufrechter Wissenschaftskommunikation folgendermaßen konstruieren:

„Gute Wissenschaftskommunikation arbeitet faktentreu. Sie übertreibt nicht in der Darstellung der Forschungserfolge und verharmlost oder verschweigt ihr bekannte Risiken neuer Technologien nicht. Sie macht Grenzen ihrer Aussagen sichtbar. Außerdem sorgt sie für Transparenz der Interessen und finanzieller Abhängigkeiten. Sie benennt Quellen und Ansprechpartner. Sie beantwortet die Frage, welche Bedeutung die Informationen für Wissenschaft und Gesellschaft haben und ordnet sie in den aktuellen Forschungsstand ein. Sie weicht nicht für Zwecke des Institutionenmarketings oder der Imagebildung von Faktentreue und Transparenz ab.“

Oder:
„Gute Wissenschaftskommunikation ist selbstreflexiv und selbstkritisch. Sie arbeitet wertegeleitet und strategisch und definiert Maßstäbe für die Qualität ihrer Arbeit und ihrer Ergebnisse. Sie organisiert ein Monitoring über die Erfüllung der Kriterien und ermöglicht deren Veränderung über Feedbackprozesse.“

Bevor sich nun Kenner der Wirklichkeit fragen, was genau hier beschrieben wird, sei es nochmal betont: Dies ist die Wissenschaftskommunikation, wie sie sich der Siggener Kreis für die Zukunft wünscht. Die Realität ist ja eher dadurch gekennzeichnet, dass die oben beschriebenen Qualitätskriterien eben nicht, zumindest aber viel zu selten im realen PR-Betrieb anzutreffen sind.

Woran liegt das? Zum Teil auch an den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst, die häufig nicht zu den glühendsten Anhängern enger Zusammenarbeit mit ihren Pressestellen zählen. Meist dient Zeitmangel als Absagegrund. Häufig spielt aber auch die Furcht hinein, durch Medienpräsenz bei den Fachkollegen anzuecken. Wahrscheinlich stellen sich viele aber auch eine simple Frage, auf die ihnen das deutsche Wissenschaftssystem – auch 15 Jahre nach PUSH – immer noch eine überzeugende Antwort schuldig geblieben ist: Was bringt es meiner Karriere, wenn ich Wissenschaftskommunikation betreibe?

Dass ohne eine motivierende Regelung dieser Frage die Qualität von Wissenschaftskommunikation immer wieder an Grenzen stößt, wissen natürlich auch die Mitdenker im Siggener Kreis – und legen den Finger in die Wunde, wenn sie formulieren:

„Wissenschaftler, die sich in den Dialog mit der Öffentlichkeit einbringen, verdienen besondere Unterstützung und Wertschätzung. Diese sollen sich auch in der nachvollziehbaren Berücksichtigung ihrer Kommunikationsleistungen in den Be- und Entlohnungssystemen der Wissenschaft ausdrücken.“

Mit anderen Worten: Forscherinnen und Forscher, die sich (im Verein mit ihren zuständigen Pressestellen) in der Wissenschaftskommunikation engagieren, müssen dafür ausgezeichnet werden – nicht (nur) mit Pokalen, sondern mit einer Gutschrift auf ihr Impact Factor-Konto. Dadurch würden Kommunikationsbemühungen neben Forschung und Lehre endlich auch für Bewerbungen relevant.

Doch vor einem solchen Schritt scheut das System bislang zurück. Neben anderen Gründen fürchten die Förderinstitutionen den Protest jener Professoren, die in wenig öffentlichkeitswirksamen Disziplinen unterwegs sind. Oder dass medienpopuläre Wissenschaftsvertreter von den Altvorderen gemobbt werden.

Neben vielen Fragen, die der Siggener Kreis aufwirft, dürfte die Wertschätzung für Kommunikationsbemühungen seitens des Wissenschaftssystems eine der entscheidenden sein. Bis hier keine eindeutige Haltung formuliert ist, bleiben die Pressestellen von vielen widerstreitenden Interessen getrieben. Und Forscher werden sich weiter fragen, welche Form von Wissenschaftskommunikation „das System“ sich von ihnen wünscht.

Der Siggener Kreis hat sein Diskussionsangebot zur Zukunft der Wissenschaftskommunikation vorgelegt. Jetzt ist es an uns, dieses inspirierende Angebot konstruktiv anzunehmen.

Was lehrt uns das Scheitern der #Krautreporter?

Schon immer war meckern einfacher als gestalten. Im Meckern sind Journalisten stark. Im Gestalten eher weniger. Die Innovationsfähigkeit der (Online-)Redaktionen spricht für sich.

Deshalb dürfte den Krautreportern von Anfang an klar gewesen sein, dass, sobald sie sich mit ihrem Crowdfunding-Projekt aus der Deckung wagen, sie von massiver Kritik heimgesucht würden. So kam es auch. Nachdem eine haushohe Welle ungestümer Spendenbereitschaft nach wenigen Tagen abflachte, bekamen die Sprötenkieker wieder Oberwasser.

Sie repetieren in Endlosschleifen und nicht mehr zu zählenden Blogbeiträgen die immerselben Kritikpunkte: die Bezahlweise, den geringen Frauen- und Migrantenanteil in der Redaktion, die eitle Selbststilisierung in Wort und Video, das Club-Konzept für Abonnenten. Sie finden den Namen Krautreporter blöd und der Medienblogger Thomas Knüwer fordert sogar mehr sichtbare Begeisterung auf Seiten der Initiatoren (nicht etwa faire Zurückhaltung auf Seiten der Kritiker): „Das alles wirkt so larifarischeißegal (…).“

Zweifellos hatten die Krautreporter ihre Hausaufgaben nicht professionell genug erledigt, bevor sie an den Start gingen. Ausgerechnet im Marketing wurden Fehler gemacht, so dass es nun immer unwahrscheinlicher wird, dass das Ziel von 900 000 Euro bis zum 13. Juni erreicht wird. Bevor das Netz aber mit Nachrufen und Abgesängen verstopft sein wird, will ich in fünf Punkten mein Zwischenfazit der „Utopie Krautreporter“ ziehen.

1) Kein anderes journalistisches Crowdfunding-Projekt in Deutschland hat bislang eine vergleichbar große Spendensumme generieren können.

2) Eine Redaktion als Kollektiv zu betreiben, in der jeder nach Gutdünken seine Lieblingsthemen bearbeitet, funktioniert nicht. Selbst die taz hat eine Organisationsstruktur und kommt nicht ohne Chefredaktion aus.

3) Es wurde bewiesen, dass journalistischer Idealismus zur Begründung eines Geschäftsbetriebs nicht ausreicht. Es geht nicht ohne das Know-how von Marketingexperten und Kaufleuten.

4) Wer 900 000 Euro Startkapital einsammeln will (oder mehr), braucht eine Mischfinanzierung: Crowdfunding, Venture Capital (im Idealfall max. 10 % pro Investor, um nicht von Einzelnen abhängig zu sein), transparente Kooperationen (z.B. Native Advertising).

5) Die Krautreporter-Kampagne hat vor allem Medienleute erreicht. Diese Zielgruppe ist viel zu klein, um eine große Summe via Crowdfunding einzusammeln. (Außerdem las ich jüngst in einer Studie, dass ein Drittel der Online-Redakteure kein Geld für die Inhalte ihres e i g e n e n Mediendienstes ausgeben würden!)

Wer in meiner tumblr-Vergangenheit wühlt, wird einen Beitrag finden, in dem ich dem Krautreporter-Projekt frühzeitig kaum Chancen vorhergesagt habe. Trotzdem habe auch ich 60 Euro zur Verfügung gestellt. Und ich werde es wieder tun, wenn die nächsten Journalistinnen und Journalisten sich aus der Deckung wagen, um ein neues ehrgeiziges Projekt anzuschieben. Ich hoffe, das passiert bald.

Meckerer hat die Branche genug. Was fehlt sind die Macher.

Was nach den Printmedien kommt: Kommt da was?

Westfälische Rundschau dichtgemacht, Frankfurter Rundschau pleite, Financial Times Deutschland ausgelöscht, Münchner Abendzeitung sucht verzweifelt Käufer, die FAZ bilanziert mehr als doppelt so viel Verlust wie 2012 – und McKinsey soll Gruner + Jahr , laut dem Branchenblatt Horizont, zum Verkauf des Stern geraten haben.

Als altgedienter Magazinmann schaut man mit tränenverschwommenem Blick zu, wie dem Printmarkt die Puste ausgeht. Das Gewerbe wird, wie es aussieht, in einer ungewissen Zukunft seinem Siechtum erliegen. Es hat keinen Sinn mehr, nach Verantwortlichen zu suchen. Hört auf, euch gegenseitig Schuld zuzuweisen! Fakt ist: Auch die enthusiastischsten Chefredakteur/innen und Verlagsleiter/innen haben ihr Pulver verschossen. Die Messe ist gesungen.

Aber aufgepasst: Die Medienkrise ist nicht nur ein Branchenproblem! Betroffen sind auch wir Leserinnen und Leser. Denn der Rückzug der Printmedien bedroht unsere Meinungsbildung. Auf der Ebene der Lokal- und Regionalzeitungen herrscht längst schon der mediale Notstand. Was den Medienkritikern beim Stalken der Alpha-Titel in Hamburg, Frankfurt und München entgeht: Nicht alle Menschen, von Vechta bis Ingolstadt, beziehen ihre Grundversorgung an gedruckter Information aus der FAZ, Welt oder Süddeutschen.

Lange, viel zu lange, wurden die Folgen der Printkrise nur anhand der bundesweiten Leitmedien dekliniert. Derweil gingen in den Regionalredaktionen unbeachtet die Lichter aus. In der Provinz wurde getrennt, gepoolt, gekündigt, gestrichen, wurden Umfänge reduziert, Kostenersparnispotenziale noch aus der letzten Ecke hervorgefegt und Meinungsmonopole durch Zukäufe wankender Konkurrenten von Konzernen massiv ausgedehnt.

In der aktuellen Etappe des Sparmarathons sitzen nun oftmals nur noch Nachlassverwalter in den kleinen Redaktionen, die sich mangels Korrespondenten oder Honorare für freie Autoren andere Quellen suchen müssen: Spiegel Online, zum Beispiel. Aufmacher aus aller Welt, die dort die Plätze eins bis drei belegen, dominieren anderntags die Seite eins der kleinen Blätter.

Vom galoppierenden Verfall der Sitten profitieren Anzeigenkunden, die über mühsam verbrämte „Kooperationen“ die redaktionellen Seiten infiltrieren. Pressemitteilungen werden unverändert in einem Ausmaß gedruckt, dass es sogar mir bekannten Pressesprechern nicht mehr geheuer ist. Und so stellt sich die Frage: Wollen wir Leserinnen und Leser das?

Je stärker nun auch die Leitmedien in den Abwärtsstrudel geraten, desto offensichtlicher werden die Verwundungen, die die Krise der einst festgefügten Zeitungen- und Zeitschriftenwelt bereits zugefügt hat. Auch die sogenannten Qualitätsmedien bieten vermehrt Anlass zum Mäkeln. Wie aber sehen derzeit die Alternativen aus? Wer sonst – mit Ausnahme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens – verfügt noch über ein Netz von Journalisten, die vor Ort und im persönlichen Gespräch Hintergrundinformationen recherchieren? Wo sind die profund gebildeten und journalistisch versierten Expertinnen und Experten, die treuhänderisch – nicht bevormundend! – für uns filtern, was Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur täglich in die Öffentlichkeit lancieren möchten?

Old School-Denke? Nein, Realismus!

Verschont mich mit Buzzwords wie Partizipation, Interaktion, Bürgerjournalismus und Storytelling! Und nennt mir nicht „Krautreporter“ als Synonym für die digitale Rettung des Qualitätsjournalismus! Wer jemals, wie ich, Teil einer Magazin-Vollredaktion gewesen ist, eingebettet in einen international agierenden Verlag, dem fallen viele Gründe ein, warum Krautreporter zwar ein lobens- und lohnenswertes Projekt ist – ich bin selbst Unterstützer! -, aber in puncto Informationstiefe und -vielfalt gewiss kein Gegenmodell zu auch nur einem der gedruckten Leitmedien.

Das ist es, was mich melancholisch stimmt: Dass die Printmedien von der Bühne abtreten, ohne dass überzeugende Nachfolger im Rampenlicht auftauchen.

Damit ruinieren Journalisten ihre Glaubwürdigkeit

Es ist nicht zum Besten bestellt mit der Faktentreue, Relevanz und sachlich-moralischen Integrität im deutschen Tagesjournalismus. Darin waren sich die Teilnehmer einig, die am 13. Mai an einer Diskussionsveranstaltung des Bundesverbandes deutscher Pressesprecher in Berlin teilnahmen, unter ihnen Ex-SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo; der Titel: „Skandalisierung und Hochfrequenz-Journalismus – Schaden für die Demokratie?“ Ein Debüt für mich: Zum ersten Mal seit meinem Wechsel aus der GEO-Redaktion in die Kommunikation der VolkswagenStiftung hat mich ein Thema zum Branchentreff gelockt.

Dass Lobbyisten wie ich sich freuen, wenn Medien ihre Mitteilungen verbreiten, dürfte niemanden verwundern. Verwundert war ich aber, dass genau dies immer lauter ausgerechnet von den Kommunikatoren beklagt wird: Dass die Medien, insbesondere Online-Dienste und Regionalzeitungen, ihre Pressemitteilungen häufig eins zu eins publizieren würden – unbearbeitet, unreflektiert, ohne kritische Nachfragen bei den Absendern. „Die Sitten verludern“, sagte einer auf dem Podium in Berlin.

Georg Mascolo hatte es trotz hanseatischer Gelassenheit schwer, das ethisch-moralische Selbstverständnis des Journalismus, das er politisch korrekt zu formulieren wusste, gegen die extrem widersprüchlichen Fallbeispiele aus der Kommunikationspraxis zu verteidigen.
“Herdentrieb” nannte Oliver Schumacher, Konzernsprecher der Deutschen Bahn, die Neigung der Medien, sich schnell gemeinsam auf ein Thema zu fokussieren. Bestärkt werde dieser Trend dadurch, dass sich insbesondere Regionalmedien an jene Themen dranhängen, die von den Leitmedien – FAZ, SZ, SPIEGEL etc. – gesetzt wurden.

Die freie Journalistin Merle Schmalenbach ergänzte: „Ich kenne Lokalredaktionen, da orientiert sich die überregionale Themensetzung an den Aufmachern eins bis drei bei SPIEGEL Online.“ Es sei auch billiger, bereits Recherchiertes nochmal aufzubereiten, als eigene Recherchen zu finanzieren oder Themen zu suchen – zumal Regionalzeitungen und Online-Dienste sich in der Regel keine Reporter, erst recht keine Korrespondenten mehr leisten können.

Falls solche Beobachtungen tatsächlich kennzeichnend sind für die Praxis in Regionalzeitungen, dann wird dort, nach einer Definition von Mascolo, „kein anständiger Journalismus“ produziert: „Wenn ein Autor zu mir sagt, ich hätte gern eine bessere Geschichte recherchiert, aber mir fehlte es an Zeit, dann lasse ich diese Entschuldigung nicht gelten. Erst wenn Fakten und thematische Durchdringung stimmen, kann man eine Bewertung durchführen. Als Journalist trägt man auch Verantwortung für die Folgen eines Artikels – beispielsweise für Personen und Unternehmen.“

Spontaner Widerspruch auf dem Podium: Man bescheinigte Mascolo Realitätsferne. Hans Mathias Keplinger, Empirischer Kommunikationsforscher an der Uni Mainz, sieht den Journalismus sogar „ in seinen Grundfesten erschüttert“. Die „völlig unsinnige“ Fixierung auf Seitenabrufe (Page Views), an denen wiederum Werbe-Erlöse hängen, habe etwa im Online-Journalismus einen Aktualisierungsdruck erzeugt, der dazu führt, dass „nicht mehr gefragt wird, was ist wahr, was ist relevant, was ist moralisch vertretbar?“. Stattdessen werde jede Menge „Schrott“ als Klicktreiber publiziert.

Auch die Einführung sogenannter Investigativ-Teams hat aus Sicht der Pressesprecher nicht zu einer Qualitätsverbesserung geführt, sondern eher zu einer Verschärfung. Bahn-Sprecher Oliver Schumacher, der sich nach eigenen Worten längst daran gewöhnt hat, „mindestens einmal im Monat“ im Fernsehen „vorgeführt zu werden“, berichtete von seinen Erfahrungen mit öffentlich-rechtlichen Investigativ-Journalisten: „Da bekommt man einen Katalog mit 50 Fragen, für deren Beantwortung kaum Zeit eingeräumt wird. Kein Anruf, kein Gespräch. Wenn ich die Fragen lese, weiß ich schon, was nach dem Willen der Journalisten bei der Sendung rauskommen soll. Dass die Bahn immer schuld sein muss, daran habe ich mich gewöhnt. Da kann ich antworten und argumentieren, wie ich will.“

Schumacher hatte auch ein Beispiel aus der Trickkiste der Fernsehjournalisten parat: „Da werden Sie aufgefordert, vor laufender Kamera ein bestimmtes Statement immer zu wiederholen. Und wenn Sie beim 15. Mal das Gesicht verziehen, weil Sie langsam ungeduldig werden, dann wird dieses Statement mit genervter Miene gesendet. darauf kann man sich hundertprozentig verlassen.“

Sogar Konzernmanager reagierten immer häufiger ratlos. „Warum senden die das, obwohl es gar nicht stimmt?“, werde Schumacher gefragt. Und ist froh, dass die Leitmedien die Skandalisierungsversuche der sogenannten Investigativ-Teams bislang niemals aufgegriffen haben. Auch bescheinigte man Reportern vom Schlage eines Leyendecker von der SZ tadelloses Handwerk. „Natürlich müssen wir uns auch der Kritik stellen. Natürlich ist nicht alles gut und richtig, was wir tun“, räumte Schumacher ein, „Aber hier geht es niemals um Aufklärung, aber immer um Entertainment.“

Schwarze Schafe? Negative Ausnahmen? Oder ist der Journalismus – zumindest im Online-Bereich und in den Regionalzeitungen – tatsächlich in der Selbstauflösung begriffen?
Wiederholter Applaus und häufiges Kopfnicken bei den gut 200 versammelten Pressesprecher/innen, zumal bei den Schilderungen von Negativ-Erfahrungen, legen den Schluss nahe, dass die Entprofessionalisierung im Journalismus tatsächlich Fahrt aufnimmt. Personalisierung, Emotionalisierung und Skandalisierung werden vermehrt als Stilmittel eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Hektik verhindert Reflexion. Wettbewerbsdruck trübt den Blick auf die Verhältnismäßigkeit. Und das Internet ermöglicht die Rund-um-die-Uhr-Publikation, was den Zeitdruck für alle Beteiligten – Pressesprecher wie Journalisten – auf ein bislang ungekanntes Maß hochgeschraubt hat.

Was wurde auf diesem Weg bisher gewonnen? „Leser und Industrie entziehen Print-Medien weiterhin die Gunst“, sagte Tilman Kruse, Sprecher des Deutschen Presserats und Justiziar bei Gruner + Jahr. Man verliert also ungebremst Abos und Anzeigen. Die volatilen Erregungszustände im deutschen Journalismus waren dem Geschäft bisher keineswegs zuträglich. Vielleicht droht sogar noch mehr Unheil: Wenn die Leser merken, wieviel unseriöse Information ihnen täglich zugemutet wird.

Wann werden es Medien wagen, aus diesem Teufelskreis auszubrechen und das Tempo zu drosseln? Sie würden sich, glaube ich, um die Glaubwürdigkeit des Journalismus verdient machen. Die steht nämlich auf dem Spiel.

Dass alle Diskutanten am Schluss betonten, dass die meisten Journalisten nach wie vor einen ordentlichen Job machen, klang mehr als bemüht. Das konnte meine Stimmung an diesem Abend nicht mehr aufheitern.

Wie Krautreporter dem „Correspondent“ nacheifern

Eine SPIEGEL-Nachricht elektrisiert die Netzgemeinde: Die #Crowdfunding Plattform #Krautreporter will sich zu einem „Portal für #Qualitätsjournalismus“ weiterentwickeln. Dafür haben die Gründer Sebastian Esser und Philipp Schwörbel prominente Mitstreiter gewonnen. Chefredakteur soll Alexander von Streit werden (zuvor u.a. bei „Wired“). Als Autoren seien die Blogger Stefan Niggemeier, Richard Gutjahr, Jens Weinreich und Thomas Wiegold verpflichtet worden.

 

Die Crew steht also bereit. Nur die Finanzierung muss rasch noch zusammengebracht werden: 900 000 Euro erbitten die Gründer von ihren Anhängern. Stilecht per Crowdfunding. Binnen vier Wochen. Dann, so heißt es in der SPIEGEL-Meldung, könne das Portal im September 2014 starten.

 

Als Inspiration für das kühne Unterfangen diente unübersehbar das niederländische Online-Magazin „de Correspondent“, dessen raketenmäßiger Erfolg die krisengeschüttelte Branche international elektrisiert hat. Mit fast 30 000 Abonnenten, die jährlich 60 Euro zahlen, schafft es die Redaktion täglich vier, fünf hochwertige Artikel zu produzieren. Initiator ist der charismatische Jungjournalist und begnadete Vermarkter Rob Wijnberg, 31.

 

Mit dem Vorbild „de Correspondent“ haben die Krautreporter die Latte ziemlich hoch gehängt. Während in Holland mit den Abonnentengebühren eine Vollredaktion engagiert werden konnte, besteht die Gründerschar des deutschen Pendants offenbar bislang nur aus einer Handvoll Online-Journalisten, die ein einziges Thema eint: Medienkritik.

 

Nun wird man den Initiatoren zweifellos soviel Realitätssinn zubilligen können, dass diese nicht ernsthaft glauben, mit Medienkritik allein ein journalistisches Angebot ins Leben rufen und langfristig am selben erhalten zu können. Im Raum steht der deklarierte Anspruch, „Qualitätsjournalismus“ zu liefern. Der aber benötigt Aktualität, Relevanz, inhaltliche Tiefe und vor allem eine teure und langwierige Vor-Ort-Recherche. Bissige Medienschelte, ein paar Technik-News und Tagungstweets mögen Blog-Autoren treue Fans bescheren. Aber auch dies in der Regel nur solange, wie Unterhaltung und Belehrung kostenlos sind.

 

Auch im neuen Portal sollen alle alles kostenlos und werbefrei sehen dürfen. Für die Refinanzierung wünscht man sich Mitglieder, die 60 Euro pro Jahr bezahlen. Nur diese dürfen dann das Privileg genießen, Inhalte zu kommentieren. Außerdem soll es „Begegnungen mit den Autoren und Stadtrundgänge“ (SPIEGEL) geben.  Ob diese Incentives verlockend genug sind, jene 15 000 Spender zu akquirieren, die man braucht, um 900 000 Euro zusammenzukriegen?

 

Mutig und edel sind die Honorarsätze, die die Gründer trotz Gratisangebots versprechen. Die Pauschalisten sollen zwischen 2000 und 2500 Euro bekommen und dafür jede Woche einen Artikel liefern. Davon können freie Zeitungsjournalisten nur träumen. Ein Drittel von ihnen, so sagt eine aktuelle Studie, verdienen weniger als 1000 Euro, ein weiteres Drittel zwischen 1000 und 2000 Euro.

 

Allein um dieser Großzügigkeit willen kann man dem Krautreporter-Projekt nur den besten Erfolg wünschen. Und sollte nichts draus werden, haben die Initiatoren sich mindestens vier Wochen lang in der geballten Aufmerksamkeit der Netzgemeinde sonnen dürfen. Das wäre dann auch in gewisser Weise ein Erfolg.

 

Am 13. Mai 2014, so heißt es auf der Homepage, werden wir alle mehr erfahren. Kostenlos, natürlich.